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Zu wenig Jugendarbeit in Bayern – HB

24. März 2009

acht.acht.

Presseartikel im Heinrichsblatt
Die schockierenden Gesten und Aussagen, die sie gleich hören und sehen werden, entsprechen in keiner Weise der persönlichen Einstellung der jugendlichen Darsteller“, erklärte Theaterpädagoge Jean Francois Drozak vorab dem Premierenpublikum des Theaterstücks „8.8“ in der Realschule Gräfenberg („8.8“ in Anlehnung an den achten Buchstaben im Alphabet und damit an „Heil Hitler“). Und er tat gut daran. Schonungslos zeigt das Stück den Hass und die Gewalt von Neonazis und ihre Versuche, gerade Jugendliche für ihre dumpfe Ideologie zu gewinnen. Das Theaterprojekt ist Teil einer Aufklärungskampagne des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) Bamberg.
„Besonders in Wahlzeiten und vor Feiertagen sind sie plötzlich da, stehen mit ihren Wägen vor der Schule“, berichtet Lea über ihre Erfahrungen mit Rechtsradikalen. Die 15-Jährige ist Schülerin der Ritter-Wirnt-Schule in Gräfenberg und spielt in dem Theaterstück mit. Mit Handzetteln und Musik-CDs bewaffnet stehen sie da, die braunen Gesinnungsgenossen, sprechen gezielt jüngere Schüler an: „Komm’ doch mal her, hier gibt’s Musik für dich – umsonst“. „Da sind die ganz Kleinen wie verrückt hingelaufen, weil sie was umsonst haben wollten“, sagt der 16-jährige Fabian. Er selbst habe Kindern aus der fünften Klasse die CDs weggenommen und zerbrochen. „Die versuchen auf sehr gemeine Weise, Kinder zu überzeugen und Gehirnwäsche mit ihnen zu betreiben“, weiß David Marcus. Auch er spielt in „8.8“ mit. „Wenn man da erstmal drin ist, ist es ganz schwer, da wieder raus zu kommen“, sagt Lea. Das zeigt das Theaterstück.

Der Rechte Weg
Es ist die Geschichte von Franz, einem Jugendlichen, der sich meistens langweilt und seine Zeit vor dem Computer verbringt. Die Geschichte eines Opfers der braunen Verführer. Nach dem ersten Kontakt wird Franz Schritt für Schritt tiefer in die Rechte Szene hineingezogen. Zunächst unverfänglich – seine „neuen Freunde“ nehmen ihn mit zum Fußballspiel ins Stadion, füllen die Lücke in seiner Freizeit. Nach und nach beginnt die Gehirnwäsche, werden seine Gedanken aufgefüllt mit Hass und Gewalt. Bis Franz mit seinen Nazi-Kumpanen schließlich ins Publikum grölt: „Gewalt ist die einzige Form von Achtung, die wir von euch erzwingen können!“. „8.8“ ist aber auch die Geschichte von Paul. Er erkennt, dass das Rechte nicht das Richtige sein kann und versucht verzweifelt, seinen Freund Franz aus dem braunen Sumpf zu ziehen. Sein Versuch scheitert.

Aufklären und Zeichen setzen
„Das einzige, was hilft, ist Aufklärung, immer wieder Aufklärung“, sagt Rolf Maas, Schulleiter der Realschule Gräfenberg. Und er weiß, wovon er spricht. Immer wieder wird Gräfenberg und auch seine Schule von Außen mit dem Thema Rechtsradikalismus konfrontiert. „Was mich wirklich betroffen macht, ist der schlechte Ruf Gräfenbergs, der sich auch auf die Schule auswirkt“, sagt der Schulleiter. „Eine braune Schule in einer braunen Stadt“, laute das Vorurteil.Doch Gräfenberg und die Ritter-Wirnt-Schule setzen sich zur Wehr. „Die Schule muss im Unterricht und darüber hinaus Zeichen gegen Rechtsradikalismus setzen“, meint Maas. Das Theaterstück ist so ein Zeichen. Es wurde am Abend vor dem jüngsten NPD-Aufmarsch in Gräfenberg aufgeführt.Vier Tage lang hatten die Schüler das Stück, das auf Interviews mit Insidern und Aussteigern der Rechten Szene basiert, mit dem Theaterpädagogen Drozak von der Nürnberger Kunstagentur „Kunstdünger“ einstudiert. Vier Tage, in denen sie sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Vier Tage, in denen die Jugendlichen an ihre eigenen Grenzen gehen mussten. „Mich hat das sehr viel Überwindung gekostet, auf die Bühne zu gehen und ,Heil Hitler’ zu schreien – das würde ich normalerweise nie machen“, berichtet Fabian, der den Franz spielt. Geht das zu weit? Jean Francois Drozak meint: Nein. „Es ist wichtig, dass Jugendliche selbst ihre Generation aufklären – die sind da einfach näher dran“.

Das Theater sei hierfür eine gute Methode. „Die Jugendlichen können aus der Rolle heraus für sich empfinden, wie das ist, Rechtsradikaler zu sein oder Opfer, jemand, der in die Rechte Szene gelockt wird – und das ist das Ziel“, erklärt der Theaterpädagoge. Er hat das Stück Pfarrer Bloom aus Miltenberg gewidmet, der eine Veranstaltung der jungen Nationalen zum Abbruch zwang, indem er die Kirchenglocken läuten ließ. „Das war nicht nur Sonntagsgeläut, sondern ein Bekenntnis“, sagt Drozak. So endet auch das Theaterstück „8.8“. Das Nazigegröle geht im Klang von Kirchenglocken unter. Überhaupt ist für den belgo-brasilianischen Bayern Drozak das ganze Thema auch religiös aufgeladen. „Hass und Macht motivieren Rechtsradikale, werden zur Sucht. Sie fühlen sich allmächtig, wie Gott“, meint er. Deshalb sei er auch froh, den BDKJ als Träger des Projekts im Boot zu haben. „Der BDKJ kann Alternativen geben zu Hass und Allmachtsglaube.“

Zu wenig Jugendarbeit
So sieht es auch Michael Albrecht. Der Glaubensreferent des BDKJ begleitet das Theaterprojekt. „Mit ihren demokratischen Strukturen ist jede Arbeit im BDKJ auch Präventivarbeit gegen Rechtsradikalismus“, sagt er. Doch leider gebe es gerade im ländlichen Raum oft zu wenig Jugendarbeit. Deshalb startet der BDKJ mit „8.8“ eine auf zwei Jahre angelegte Aufklärungskampagne. Interessierte Schulen können den Theaterpädagogen Drozak buchen, damit er das Theaterstück mit ihren Schülern umsetzt.

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