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Würdigung der Stiftung „gegen das Vergessen“

28. Dezember 2010

acht-acht

Wenn jemals das Wort am Platz ist, daß man an ihren Früchten sie erkennen wird, dann ist es hier der Fall. Daß solche Früchte aber bereits in der katholischen Bischofsstadt [Bamberg] gedeihen können, kann nicht scharf genug an den Pranger gestellt werden. […] Das Furchtbarste dabei ist die vollständige Verrohung der Jugend, welche größtenteils mit frechen und unreifen Gesichtern durch die Straßen läuft und Andersdenkende anpöbelt und beschimpft , weil sie glaubt, sich dadurch den Freibrief in das dritte Reich zu erringen. […]


Wehe den Lehrern und Erziehern, welche in unbegreiflicher Verblendung dieser Bewegung nachlaufen und dadurch selbst den Grundlagen der Erziehung, der Autorität und dem Gehorsam das Grab schaufeln. Wehe den Eltern, die ihre Söhne dem Hakenkreuz ausliefern, anstatt sie in Gottesfurcht und Frömmigkeit zu erziehen! Wehe dem Staate, der es nicht versteht, rechtzeitig solche Elemente mit eiserner Faust niederzuhalten! […]

Eine Gruppe Jugendlicher steht mit verzerrten Gesichtern beieinander und brüllt rechte Parolen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Auch die Gesten sind erschreckend eindeutig, penetrant, bedrohlich. Die Stimmen überschlagen sich. Die Parolen werden gegen einen Jungen mit dunkler Hautfarbe geschleudert, der allein der Gruppe gegenübersteht. Immer wieder dieses rhythmische Schreien. Es ist heiß. Die erwachsenen Zuschauer schweigen –betroffen.

Beklemmende Szenen wie diese haben sich bereits einmal in Bamberg abgespielt. Hans Wölfel berichtet 1932 in seinem Leserbrief Ein offenes Wort davon: Nationalsozialisten haben in letzter Zeit wiederholt meine Frau auf der Straße angepöbelt und dabei u.a. die Drohung ausgesprochen, daß sie auch im ‚dritten Reich‘ ‚drankommen werde‘. […], daß auch in der Luitpoldstraße […] Köpfe rollen werden […].

Die beschriebene Szene stammt allerdings nicht aus dem Jahr 1932, wie die eingangs zitierten Textpassagen aus Leserbriefen Hans Wölfels. Die Szene wird im Juli 2010 von Jugendlichen der Kaulbergschule auf der Schulbühne gespielt. Es ist die Schluss-Szene eines Theaterstücks mit dem Titel „acht.acht“, das vom Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) und der Kunstagentur KUNSTDÜNGER getragen wird und zu einer Präventionskampagne gehört, welche über die subversiven Methoden in der Jugendarbeit rechtsradikaler Gruppen aufklärt und für demokratische Jugendarbeit eintritt.

Nach dieser beklemmenden Szene herrscht eine schier endlos lange Minute absolute Stille. Erst danach erhalten die jungen Schauspieler den verdienten, lang anhaltenden Applaus der gut 70 erwachsenen Zuschauer.
Die acht Hauptschüler haben sich im Rahmen dieses Theaterprojekts mit dem nach wie vor aktuellem Thema „Rechtsextremismus“ auseinandergesetzt, weil die rechte Szene seit längerer Zeit verstärkt Jungendliche ins Zentrum ihrer Werbeaktivitäten stellt. Die rechte Jugendszene entwickelte sich in den letzten Jahren weiter. Rechtsextremismus konnte so in verschiedene Jugendkulturen eindringen, infolgedessen wird es zunehmend schwieriger, Neonazismus zuerkennen. Die rechte Szene nutzt bei ihrem Vorgehen geschickt die Aktivitäten und Interessen der Jugendlichen aus: Dementsprechend stellte jugendschutz.net in seinem Bericht für das Jahr 2009 fest, dass das Internet […] für den Rechtsextremismus heute die Propagandaplattform Nummer eins [ist].

Insbesondere Jugendliche sind im Visier von Neonazis, die ihre Angebote modern gestalten, um potenzielle Anhänger für ihre Ideen und Gruppen zu gewinnen. Mit 1.872 rechtsextremen Websites ist 2009 ein trauriger Höchststand erreicht worden. Und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bestätigt, dass viele Jugendliche über Musik ihren Einstieg in die rechtsextremistische Szene gefunden haben. Musik ist für den modernen Rechtsextremismus eines der wichtigsten Elemente, um Nachwuchs zu gewinnen.

Diese Fakten bilden den Ausgangspunkt und Rahmen des Theaterstücks, das auf Interviews von Studierenden der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg basiert, die diese mit „Insidern“, „Aussteigern“ und Moderatoren der rechten Jugendszene geführt haben. Das Stück thematisiert das geschickte Werben moderner Rechtsextremer um Jugendliche. Es zeigt dabei beängstigend anschaulich die subversiven Praktiken der rechten Szene und die zerstörerische Wirkung dieser Praktiken auf Jugendliche, die im Grunde Spaß, Auseinandersetzung, Zuwendung, Orientierung und einen Platz – „ihren Platz“ im Leben suchen. Mit den modern aufgemachten Angeboten werden sie „gelockt“ und zu Gruppenaktionen mitgenommen. Anfangs neugierig und beeindruckt vom gemeinsamen Tun, ordnen sich die Jugendlichen schnell in die Gruppe ein.

Ohne es selbst sofort zu wahrzunehmen, fügen sie sich dem herrschenden Gruppenzwang. NEIN-Sagen und ein Sich-Abgrenzen werden nun schwer. Denn das rechte Gedankengut kompensiert geschickt Unzulänglichkeit und Unsicherheit der jugendlichen Person im Rahmen der Gruppe (der Bewegung). Und wer zögert, dem wird immer wieder lautstark entgegnet: nur in der Gruppe (der Bewegung) bekommt und hat der/die Einzelne einen Wert. Schnell wird klar, mit einem demokratischen oder christlichen Menschenbild ist das Denken und Handeln der Rechtsradikalen nicht vereinbar.

Die Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klasse spielen mit einer Natürlichkeit, die überzeugt und zugleich betroffen macht. In der Diskussionsrunde stellen sich die Schauspieler den Fragen der Zuschauer. Sie erzählen, wie sie sich mit dem Themen „Rechtsextremismus“ und „Nationalsozialismus“ auseinandergesetzt haben. Sie haben Bücher gelesen, Fotoalben angesehen und Gespräche mit den Großeltern geführt. Mit „Rechten“ sind die jungen Schauspieler schon in Kontakt gekommen. Im Alltag und im wirklichen Leben möchten sie keine „Rechten“ sein, das sei ihnen zuwider, betonen sie selbstbewusst.

Nach dieser Vorführung wurde das Theaterstück noch für Schülerinnen und Schüler des Privaten Förderzentrums der Martin-Wiesend-Schule, für die Hauptschulen Kaulberg und Gaustadt und für die Private Berufsfachschule Mariahilf in Bamberg gespielt. Insgesamt haben 154 Schüler undSchülerinnen das Stück gesehen und die Thematik mit ihren Lehrkräften anhand der ergänzenden Materialien im Unterricht vertieft.

Die Zustimmung zur Demokratie und die Tugenden der Bürgergesellschaft [müssen] von jeder nachwachsenden Generation neu gelernt werden, stellte Jutta Limbach zutreffend fest. Die Bildung von selbstbewussten und demokratischen Persönlichkeiten ist dabei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und muss mit jeder jungen Generation in aktiver Zusammenarbeit gestaltet werden. Neben einer bindungssicheren Familienerziehung braucht es dazu demokratische Jugendarbeit und Schulen, die einen guten demokratischen Rahmen sowie inhaltliche Impulse und klare Vorbilder bieten, um die demokratischen Werte wirksam erfahrbar zu machen.

Der Politik fällt die Verantwortung zu, den Jugendlichen die notwendige Infrastruktur, Ausbildung und Begleitung zur Verfügung zu stellen. Daher ist es mehr als bedauerlich, dass die Bayerische Staatsregierung in der letzten Legislaturperiode die Gelder für die Jugendarbeit der Bayerischen Jugendringe um 30% gekürzt hat. Das bedeutet: zwangsläufig weniger demokratisch organisierte Jugendarbeit in Bayern. Und das bei einer verstärkten Aktivität rechtsextremer Gruppen: Bayern steht bei den rechtsextremen Internetangeboten, die besonders modern, jugendlich und aktionsbetont sind, im gesamtdeutschen Vergleich (meist) an dritter Stelle! Gehen aber die demokratischen Angebote gesellschaftsbildender Jugendarbeit zurück, werden es die rechten Gruppierungen leichter haben, Jugendliche anzuwerben, befürchten BDKJ und KUNSTDÜNGER.

Das Furchtbarste [bei dieser Entwicklung] ist die vollständige Verrohung der Jugend. Wie dramatisch die Entwicklung bereits ist, hat Die ZEIT am 16. September 2010 auf Seite 13 ihrem Beitrag Eine furchtbare Bilanz gezeigt: 137 Menschen starben seit 1990 durch rechte Gewalt – viel mehr als bislang bekannt.

Mit ihrem Präventionsprojekt leisten BDKJ und KUNSTDÜNGER einen beeindruckenden Beitrag zur Sensibilisierung – nicht nur der nachwachsenden Generation – für die Notwendigkeit und Gefährdung unserer Demokratie. Das Projekt regt Schauspieler und Zuschauer darüber hinaus an, gemeinsam über unsere Demokratie und unsere demokratischen Werte zu sprechen und sie durch unser politisches Denken und Handeln zu bejahen. Ganz im Sinne Roman Herzogs

und seiner Aufforderung: Unsere rechtsstaatliche Demokratie ist kein Selbstläufer. Wir müssen sie immer wieder neu erklären und erfahrbar machen.
Mechthildis Bocksch

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