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wohl sein. Wahrheit, Erich Fromm

1. Oktober 2011

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Eine tägliche Medienkritik von Erich Fromm – Lichtblicke wären das. Was wird vermeldet, wie wird es gewichtet, kommentiert und warum gerade so. Unsere Wahrnehmung politischer Wirklichkeit hat doch auch mit uns selber zu tun. Mit den Verhältnissen, in denen wir leben, und mit persönlicher Befindlichkeit. Wahrheit, Lüge und die Grauzone der Interpretation dazwischen: ein Spiegel von Interessen, Bedürfnissen, Leidenschaften und Ängsten, die so vorhanden sind, die so aber auch verstärkt oder umgelenkt werden. Ein Machtinstrument.

Eine tägliche Medienkritik von diesem gelehrten Mann – dann würden wir begreifen, warum es manchmal so verrückt zugeht? Abgesehen davon, dass Erich Fromm als Wissenschaftler und Psychoanalytiker (der sich wohl politisch für die Friedensbewegung in den USA engagierte und deshalb in die Akten des FBI geriet) sich niemals so tief in diese Strudel hineinbegeben hätte, würde er für solches Ansinnen wohl nur ein müdes Lächeln gehabt haben. Die Medien – wer sonst sollte sie verbreiten? – hätten zunächst wohl ein Interesse an solchen Kommentaren, gerade weil sie Widerspruch wecken würden. Doch wäre der Neuigkeitsreiz verflogen, würde es nur noch ein Schritt zur Herablassung sein. Ach der, wie er alles relativiert, und psychologisiert … Die Worte würden verhallen. Alles würde so weiter laufen wie bisher.


Andererseits: Wenn ich so gar nicht daran glaubte, dass durch geistige Anstrengung etwas zu bewirken sei, sollte ich meine Arbeit aufgeben, wie auch Psychoanalytiker den Beruf wechseln müssten. Denn was liegt ihrem Tun denn anderes zugrunde, als durch Bewusstmachen heilen zu wollen, zumal der Therapeut meist von sich selber die Macht innerer Konflikte kennt. Die eigene Zerrissenheit, die, ob man sie verbirgt oder offenbart, dem Verständnis des Anderen dienlich sein kann – diese Zerrissenheit erkunden zu wollen, hat mit Mut zu tun. Mut braucht man, um ins seelische Labyrinth hinabzusteigen.Dass es ein solches Labyrinth gibt, hat die Menschheit schon immer gewusst – beginnend mit den alten Mythen bis hin zu den Werken der heutigen Kunst. Aber die wissenschaftliche Formulierung kam eigentlich erst mit Sigmund Freud, der 1856 geboren, wie Fromm aus einer jüdischen Familie stammte, emigrieren musste und 1939 in London starb. »Wir Psychoanalytiker der zweiten Generation stehen auf Freuds Schultern – darum sehen wir weiter«, hat Erich Fromm einmal sehr schön gesagt. Kein Text in vorliegender Sammlung seiner Aufsätze, der sich nicht direkt oder unterschwellig auch mit Freud beschäftigte. Ihm zollt Fromm all seine Hochachtung – um ihm freundlich zu widersprechen. Wobei zur Vertiefung beiträgt, wie er Freuds Ansichten in ihrer Zeitbezogenheit erklärt. Vor diesem Hintergrund sind sie nämlich unerhört, sind sie aufstörend gewesen. Inzwischen, so ließe sich hinzufügen, vermag womöglich jeder Abiturient von Ich, Es und Über-Ich zu reden. Dass Probleme verdrängt werden, ist zur Binsenwahrheit geworden. Und Erklärungen aus frühkindlichen Prägungen sind geradezu in Mode. Freud ist im heutigen gesellschaftlichen Bewusstsein kein Aufrührer mehr. Im Gegenteil, seine ganz aufs Individuelle gerichtete Denkweise passt hervorragend zu einem Gesellschaftszustand, in dem alles auf vertrackte Weise personalisiert und zugleich entpersonalisiert ist. Im Unterschied zu autoritären Strukturen früher oder anderswo wirkt der Mensch in der westlichen Kultur ja weitgehend frei. Frei, um etwas zu leisten und zu konsumieren. Er kann niemanden verantwortlich machen, wenn ihm das nicht gelingt.

»Der heutige Mensch hat das Bewusstsein der Freiheit, in Wirklichkeit aber ist er unfrei und manipuliert. Er hat das Bewusstsein des guten Gewissens, in Wirklichkeit fühlt er sich in hundert Beziehungen schuldig, nur ist ihm das unbewusst …
Erich Fromm

Die »Disziplinargesellschaft«, wie Foucault sie nannte, scheint ausgedient zu haben. Scheint. Gerät der Staat als Machtinstrument der herrschenden Klassen (stimmt doch immer noch!) wirklich in Gefahr, könnten Gewalt und Disziplinierung sehr schnell wieder auf der Tagesordnung stehen. Dann würde es unangenehm. Wer mehr zu verlieren hat »als seine Ketten«, kann das nicht wünschen. Über Bedrückung klagen viele – aber was sind ihre Fesseln? Wer eingespannt ist ins Arbeitsleben, darf froh sein. Und wem willst du die Schuld geben, dass du Hartz IV-Empfänger bist, weil du entlassen wurdest und alle deine Bewerbungsschreiben ins Leere gingen? Doch nur dir selbst, dass es dir an Ausbildung und Präsentationskraft mangelt, dass du nicht die Initiative, nicht die Flexibilität bewiesen hast, die von dir erwartet wurden.

»Das Leistungssubjekt ist frei von äußerer Herrschaftsinstanz, die es zur Arbeit zwingen oder gar ausbeuten würde. Es ist Herr und Souverän seiner selbst. Darin unterscheidet es sich vom Gehorsamssubjekt«, schreibt Byung-Chul Han 2010 in seinem Band »Die Müdigkeitsgesellschaft«. Aber: »Der Wegfall der Herrschaftsinstanz führt nicht zur Freiheit. Er lässt vielmehr Freiheit und Zwang zusammenfallen.« So spricht der Professor für Philosophie und Medientheorie in Karlsruhe von einer »zwingenden Freiheit oder dem freien Zwang zur Maximierung der Leistung«, von einer Selbstausbeutung, die effizienter als die Fremdausbeutung ist. Die Depression bricht aus, wenn »das Leistungssubjekt nicht mehr können kann«.

Nicht mehr mit verdrängter Sexualität wie zu Zeiten Freuds habe die Psychoanalyse heute zu tun, bemerkte Fromm bereits 1969 in einem Aufsatz, der auch in der vorliegenden Sammlung enthalten ist, sondern mit der »Pathologie der gegenwärtigen Gesellschaft«, mit Angst, Einsamkeit, Angst vor tief reichenden Gefühlen, Mangel an Tätigsein, Fehlen von Freude. Noch bis in die 50er Jahre hinein war es gang und gäbe, die Ursachen für psychische Störungen allein im Individuum zu suchen. Erich Fromm dagegen sah den Menschen viel früher schon als Beziehungswesen und fragte nach Störungen in diesem Gefüge, die einem persönlichen »Wohl-Sein« entgegenstehen. So klingt aus den Texten dieses Bandes immer wieder sein humanistisches Credo, als Therapeut eine »Heilung der Seele« anzustreben, Anderen zu helfen, menschlich zu wachsen, indem sie ihre Lage erkennen.

Er hat das Bewusstsein, glücklich zu sein, sehen wir aber nur ein bisschen unter die Oberfläche, dann finden wir ein ungeheures Maß an leichter Depressivität, an Unglücklichsein, an dem, was die Franzosen ›malaise‹ nennen …
Erich Fromm

Da sind Bezüge zum Marxismus unverkennbar, dem Fromm freilich etwas hinzuzufügen gedachte. Marx und Engels hatten von Basis und Überbau gesprochen. Ihn interessierte, wie denn nun konkret die Vermittlung zwischen beiden erfolgt, wie Produktions- und Lebensweisen bestimmte Charakterstrukturen hervorbringen, die sich rational, aber auch irrational äußern können. Vom Einzelnen kam er auf die Gesellschaft, nicht umgekehrt, und er ergriff als Therapeut immer für den Einzelnen Partei.

Deshalb war seine Lehre in der offiziellen DDR ausgeblendet. Heute hört man, wie Schriften von ihm über die Grenze geschmuggelt wurden. Ich habe Erich Fromms »Haben oder Sein« wie auch Ernst Fischers »Kunst und Koexistenz« mit der pauschalen Begründung literaturwissenschaftlicher Arbeit (über Aitmatow) problemlos in der Staatsbibliothek ausgeliehen bekommen. Die Anregungen aus solcher Lektüre verortete ich jedoch im »Draußen« – gut reden hatten die! –, während das »Drinnen« nun mal eine Art Festung war, wie Ernst Fischer es ausdrückte, mit Wächtern, die genehmigten oder nicht, was vorbeigetragen wurde.Die einen sorgten für Neues, die anderen für Stabilität – eine Arbeitsteilung nicht ohne 7Konflikte, so sah ich das. Nur aus uns selbst heraus, in geduldiger, immer wieder enttäuschender Sysiphosarbeit, dachte ich, könnten wir eine Entwicklung des Sozialismus zu mehr Offenheit, weniger Disziplinierung versuchen. Jede Bedrängung des Systems von außen oder innen würde Rückschläge bringen. Das Scheitern zog ich nicht in Betracht. – Ich stelle mir Erich Fromms Gesicht vor, wenn ich ihm damals diese Ansichten hätte darlegen können. Keine kühle Zurückweisung, ein Lächeln – und die kreisenden Gedanken hinter seiner Stirn, ob das Urteil »Festungsmentalität« hier hilfreich sei. Denn in meinen Erwägungen hätte er natürlich sofort die Macht der gesellschaftlichen Struktur erkannt. Er hätte mir den Mechanismus erklären können, wie ich Freiheit und Anpassung zu vereinbaren suchte, was auch ein Streben nach »Wohl-Sein« war.

Und die Wahrheit? Die war für Fromm nie eine absolute. Dass verschiedene Kulturen verschiedene Denkstrukturen, eine verschiedene Logik hervorbringen, war ihm klar. »In jeder Kultur sind gewisse Gedanken nicht nur unaussprechlich, vielmehr sind sie im wörtlichen Sinne un-denkbar, das heißt, sie können nicht zu Bewusstsein kommen, sie sind sozusagen unbewusst.« Die Frage ist, was das für die psychische Gesundheit des Menschen bedeutet, welche Defekte eventuell entstehen und wie sie möglicherweise zu heilen sind. Die menschliche Existenz, konfliktbeladen immer, hat Erich Fromm vornehmlich im Bezug auf den postmodernen Kapitalismus untersucht, in dem unsereins ankam, nachdem die Festungsmauern fielen.

Er hat das Bewusstsein, ehrlich zu sein, in Wirklichkeit nimmt er am allgemeinen Betrug in allen Bereichen teil: im Bereich der Ideen, in der Kunst, in der Literatur, im täglichen Leben, in den menschlichen Beziehungen, in der Politik; bewusst aber glaubt er, er sei ehrlich.«
Erich Fromm

Die Gesellschaft, die uns immer noch nicht ganz selbstverständlich ist, die uns erstaunt und erzürnt, von der wir nicht glauben sollten, dass wir über sie alles wüssten. Die auf so ganz andere Weise Freiheit gibt und Freiheit nimmt und keinerlei Illusion einer Entwicklung zum Besseren bietet, auch wenn diese Entwicklung vielleicht stattfinden sollte. Das Wünschenswerte ist irgendwo über den Wolken im Nebel. So dass man es fast schon gar nicht mehr sieht. Die Leidensstrukturen des Jetzt allerdings sind von den einzelnen Wissenschaften – Psychologie, Medizin, Sozialforschung – genauestens erforscht. Besagter Hyung-Chul Han erklärt sie uns auf eine knappe, präzise Weise so, dass man sagen müsste: Schluss mit diesem falschen Leben! Wollen wir es nicht mal anders versuchen, so lange wir es noch können? Aber wie soll es gehen?

Könnte Erich Fromm heute eine Antwort geben? Es ist schon viel, wie er durch seine Aufsätze zum Nachdenken anregt. So kann ich für mich wenigstens das im Moment Machbare benennen: Du darfst nicht alles glauben, was dir die Medien suggerieren, zumal wenn es um andere Länder, um Vorgänge geht, die du nicht durchschauen kannst. Und du musst Distanz gewinnen zu den Verhältnissen, die dich unmittelbar umgeben. Du darfst dich, auch wenn es bequem ist, nicht vom Lärm der herrschenden Kultur vereinnahmen lassen. Sollst dir die Freiheit nehmen, aus geistigen und materiellen Angeboten zu wählen (dass es sie in Fülle gibt, sei froh). Niemand wird dir die Verantwortung abnehmen für dein Wohl-Sein, deine Suche nach Wahrheit. Lebe in positivem Sinne als Beziehungswesen, wenn du es nun schon einmal bist. Erkenne das Menschenfeindliche unter seinen verschiedenen Masken. Hüte dich vor dem Bösen, lasse es nicht Macht gewinnen über dich selbst. 

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