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Wie sich Schüler mit Flüchtlingen anfreunden – NN

1. April 2017

RecordDie Mittelschule St. Leonhard ist ein Wagnis eingegangen: Seit diesem Jahr werden sieben Übergangsklassen mit vielen Flüchtlingskindern unterrichtet, diese machen fast ein Viertel der Schüler aus. Damit der Schulfrieden nicht ins Wanken gerät, müssen sie in den Alltag integriert werden. Doch dafür müssen sich die Kinder erst einmal kennenlernen.

Das Tanzen ist nicht Sonyas Fall. Zumindest nicht das auf der Bühne vor all den anderen Kindern. Aber es gehört zum Stück, also wackelt Sonya ein bisschen mit Berkant und den anderen mit, es dauert ja nur ein paar Sekunden, dann ist die Szene vorbei. Abgang von der Bühne, verlegenes Grinsen, Kichern mit Sara, Lob von der Lehrerin. Dann der nächste Auftritt. Dieses Mal hat Sonya ein paar Sätze zu sagen. An sich wäre das nicht bemerkenswert, doch Sonya ist erst seit wenigen Monaten in diesem Land, deutsch spricht sie kaum, ihre Muttersprache ist persisch.


Es ist ein besonderes Projekt an der Mittelschule St. Leonhard: Schüler aus Regelklassen spielen ein Theaterstück mit Schülern aus Übergangs-klassen. Flüchtlingsklassen werden Letztere auch genannt: Kinder aus verschiedenen Nationen sitzen hier, sie können kaum deutsch, sind manchmal erst seit wenigen Wochen im Land, leben in Unterkünften für Asylbewerber.

Sieben Übergangsklassen

Die Mittelschule St. Leonhard hat seit September sieben dieser Klassen, es war eine bewusste Entscheidung des Kollegiums, sie aufzunehmen, wohl wissend, dass es schwer werden würde, sie in den Schulalltag zu integrieren. Fast jeder vierte Schüler ist Ü-Klässler, 120 Kinder von insgesamt 520. Warum die Schule dafür votiert hat? Nach dem Auszug der Grundschule in einen Neubau entstand Platz, doch der Hauptgrund ist: „Diese Kinder kommen irgendwann eh zu uns“, sagt Schulleiter Peter Ort. Der Stadtteil St. Leonhard hat einen hohen Ausländeranteil, viele anerkannte Asylbewerber ziehen in die Gegend. 90 Prozent der Mittelschüler haben inzwischen einen Migrationshintergrund.

Für die Schule ist das eine Herausforderung, verlaufen doch unsichtbare Grenzen zwischen Regel- und Übergangsschülern: Sie mischen sich im Alltag kaum. Da ist die Sprachbarriere, die Kommunikation anstrengend macht, aber auch die unterschiedlichen Lebenswelten: Viele Übergangsschüler haben Gewalt oder Krieg erlebt. Jetzt leben sie in Asyleinrichtungen unter beengten Verhältnissen, die Eltern sind mitunter traumatisiert. Manch ein Schüler aus der Ü-Klasse wolle daher nicht in die Herbstferien, erzählt Jean-François Drozak, der sie während des Theaterprojekts begleitet hat. „Sie finden an ihrem Wohnort eine triste Umgebung. Hier, in der Schule, sehen sie ihre Perspektiven und Zukunft.“

Den anderen ist diese Lebenswelt fremd. Es ist nicht so, dass sie die Neuen nicht ausstehen könnten, man bleibt nur lieber unter sich. „Es ist die größte Herausforderung, die Kinder zu verbinden“, sagt Leiter Peter Ort. Eine Gemeinschaft soll entstehen, ein Miteinander, an dem alle teilhaben. Ein erster Schritt: Das Theaterprojekt, Kinder aus Regel- und Übergangsklassen spielen für andere Schüler aus beiden Klassenarten.

Samet, 12 Jahre, ist einer der Schauspieler, er besucht die Regelklasse. „Ich fand’s erst doof, als ich die von der Übergangsklasse bei dem Projekt hier gesehen habe“, sagt er. „Ich dachte, es würde schwierig.“ Die fehlenden Sprachkenntnisse, die fremden Kinder – darauf hatte er eigentlich keine Lust. Drei Tage später sitzt Samet neben Hussein, 13 Jahre alt, Iraker, seit einigen Monaten erst in Nürnberg, und sagt: „Es ist alles viel besser gewesen als gedacht. Eigentlich war es voll cool.“ Und wie fandest du es, Hussein? Der schaut etwas unsicher, dann fragend Samet an und der wiederholt, langsam: „Wie war’s? Gut? Schlecht?“ Hussein lächelt, hebt den Daumen. Gut.

Jean-François Drozak, Theaterpädagoge und freier Künstler, hat das Projekt initiiert und das Stück mit Kindern eingeübt. Der Inhalt ist didaktisch wertvoll – das Internet vergisst nie, was ihr mal gepostet habt –, aber doch zweitrangig. „Es geht hier um Begegnung“, sagt Drozak. Drei Schüler der Übergangsklasse spielen mit fünf Schülern der Regelklasse. Man könnte mit ihnen dazu auch einen Kajakkurs machen oder auch eine mehrtägige Wanderung, „sie sollen sehen, dass sie etwas zusammen unternehmen können“. Und dabei noch Spaß haben.

Saubere Sprache

Hinzu kommt beim Theater der Fokus auf die Sprache: Sie ist der Schüssel zur Integration, glaubt Drozak, der selber brasilianische und belgische Wurzeln hat. „Man muss von Anfang an lernen, sauber zu sprechen“. Denn ein harter Akzent oder eine fehlerhafte Grammatik stempelt den Sprecher immer als „den Ausländer“ ab – und kann so ausgrenzen.

„Ich hatte Spaß, mit denen Deutsch zu lernen“, sagt Didisa. „Ich habe tolle Leute kennengelernt“, sagt Dilan „Was die teilweise schon erlebt haben, ist echt krass“, sagt Sena. Und daneben sitzt Sonya, das Mädchen, das vor wenigen Monaten aus dem Iran kam, sagt: „It’s good to learn deutsch.“

Doch was sollen sieben Schüler von 520 bewirken? Können sie wirklich das Zusammenwachsen der Schulgemeinschaft initiieren? Das Projekt ist nur der Anfang, sagt Schulleiter Peter Ort. Die sieben sollen ihre Erfahrungen in ihr Klassen hineintragen, den Mitschülern davon erzählen und als Vorbild für andere wirken. Die Schulkultur wird sich nicht von heute auf morgen verändern, aber manchmal passiert ein Umdenken überraschend schnell.

Dreieinhalb Tage verbrachten die Kinder miteinander, die ersten beiden sprachen sie primär übers Projekt und ihre Rollen. Ab dem dritten hatten sie miteinander richtig Spaß. Das Theater rückte immer mehr in den Hintergrund. Gut so, sagt Drozak. Denn um das Stück sollte es ja eigentlich auch gar nicht gehen.

 

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