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Wie Schüler zu Nazis werden – Münchner Merkur

17. Mai 2012

 

Poing – 88 steht in der rechten Szene für HH, Heil Hitler. Im Theaterstück „acht.acht“ ist 88 eine Warnung: Gebt acht! In Poing haben Jugendliche gezeigt, wie Schüler zu Nazis werden können. „Gewalt ist die einzige Form von Achtung, die wir erzwingen können,“ skandieren Nazis auf der Theaterbühne. Foto: fotolia

Tänzeln, Deckung, Angriff,“ brüllt die Boxtrainerin. Franz (15) trippelt, reißt die Fäuste hoch und drischt auf den Boxsack ein. „Boxen ist wie Politik“, sagt das blonde Mädchen mit den blauen Augen. Sie durchbohrt Franz förmlich mit ihrem Blick. „Tänzeln, Deckung, Angriff.“ Franz gehorcht.

Tänzeln, Deckung, Angriff. So sieht die Strategie der Neonazis im Theaterstück „acht.acht“ aus. Acht Schüler aus drei Poinger Schulen standen am 1. Mai auf der Bühne in der Seerosenschule – gestern spielten sie vor ihren Klassenkameraden. Mit Regisseur Jean Francois Drozak hatten sie vier Tage lang das Theater gegen Rechts vorher einstudiert (wir berichteten).


Die Strategie folgt einer klaren Struktur. Tänzeln: Um das Ziel bewegen, Schwachpunkte suchen und lächeln. Deckung: Einen Weg finden, sich dem Ziel unbemerkt zu nähern. Angriff. Das Ziel sind Franz und Paul. Die beiden sind Freunde. Franz spielt gerne Computerspiele – am liebsten die ganze Nacht. Paul ist bei den Pfadfindern. Die beiden gehen in dieselbe Klasse. Auf dem Pausenhof stecken sie die Köpfe zusammen – auch an dem Tag, als alles beginnt.

Eine CD geschenkt? Klar. Freikarten fürs Fußballstadion? Gerne. Freibier? Da sagen Franz und Paul nicht nein. Erst als in der Kneipe alle die rechte Hand zum Hitlergruß heben, nimmt Paul Reißaus. Franz bleibt, trinkt Freibier, lernt Boxen und gröhlt zur Marschmusik irgendwas vom Kampf für Volk und Vaterland.

Kanak’ – Knack – Knochen – Knack“ skandiert die Gruppe im Chor. Udo, der Anführer, klopft Franz, dem Neuen, auf die Schulter. Paul steht am Bühnenrand. Er ist machtlos. Die Stimmen werden immer lauter. „Gewalt ist die einzige Form von Achtung, die wir von euch erzwingen können. Wir spüren eure Angst vor uns Rechten.“ Da ertönt Glockengeläut – zuerst ganz leise. Dann schwillt es an, wird zum ohrenbetäubenden Lärm. Die Stimmen der Neonazis sind nicht mehr zu hören, nur ihre Münder bewegen sich.

Im Publikum halten sich ein paar Zuschauer die Ohren zu. Das Ende des fiktiven Theaterstücks, die „Glocken gegen Rechts“, sind eine Hommage an Weihbischof Ulrich Boom, der 2006 in Miltenberg mit Kirchenglocken eine Ansprache von Neonazis übertönte. Die Botschaft: Jeder kann etwas tun. Und sie kommt an. Trotz Maifeiertag sind 50 Zuschauer gekommen, um zu sehen, wie Schüler zu Neonazis werden können. Erlebt haben sie ein authentisches wie auch grausames Theaterstück und acht talentierte Schauspieler.

Die Schüler sind schwarz gekleidet, die Buben tragen Anzüge. „Nazis tragen heute keine Springerstiefel mehr. Die können wie Geschäftsleute aussehen“, erklärt einer der Schauspieler nach der Vorstellung. Die rechte Szene steht nicht mehr am Bühnenrand – sondern in der Mitte der Gesellschaft.
Manuela Dollinger

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