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Werte, die kleben bleiben – SZ

10. Dezember 2017

Wertewapperl
Jugendliche aus Poing setzen sich für einen besseren Umgang mit Geflüchteten und einen sachlichen Diskurs ein: Sie haben ein “Wertewapperl” entworfen und wollen mit Theaterperformances dafür werben

Wer kennt das nicht? Man steht im Supermarkt an der Kasse, hat es eilig, und dann dauert es einfach ewig. Da ist man schnell genervt. Doch es kann sein, dass vorne beim Bezahlen jemand steht, der die deutsche Sprache noch nicht so gut beherrscht. Ein Mensch mit Fluchthintergrund zum Beispiel.

Welche Werte sind in solch einer Situation wichtig? Dieser Frage sind 20 Jugendliche aus Poing nachgegangen. Dazu sind sie unter aderem nach München gefahren, um mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière über den Umgang mit Flüchtlingen zu diskutieren. Zusammen mit dem Leiter des Poinger Jugendreferats, Michael Krach, dem Jugendbeauftragten und Gemeinderat Omid Atai sowie einigen Ehrenamtlichen haben sie dann das “Wertewapperl” entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Initiative, die einen Appell an die Menschen richten soll: Der Aufkleber steht für eine sachliche und faire Diskussionskultur rund um das Thema Flucht, Vertreibung und Asyl. “Wir leben in einer Demokratie. Natürlich dürfen wir uns streiten, aber wenn, dann sachlich”, sagt Jean-Francois Drozak, der die Jugendlichen bei dem Projekt unterstützt.

Jeder kann die Truppe buchen


10 000 Sticker, kleine runde Wertewapperl, wurden gedruckt. Diese Aufkleber bekommen die Poinger kostenlos, um sie an ihre Haustüre, auf ihr Auto oder den Geldbeutel zu kleben. Das soll symbolisieren, dass diesem Mensch oder Haushalt eine sachliche Diskussion über Asyl wichtig ist und Flüchtlinge von ihm wertgeschätzt werden. “Außerdem hoffen wir, dass Geschäftsbetreiber einen Sticker an ihre Ladentür kleben”, so Drozak. Hier könne der Aufkleber zum Beispiel symbolisieren, dass in dem Geschäft auch Flüchtlinge respektvoll behandelt würden. “Er soll sagen: Hier wirst du bedient. Auch wenn es vielleicht ein bisschen länger dauert, weil du die Sprache noch nicht so gut sprichst.”

Um die Initiative bekannt zu machen, findet in Poing von Montag an eine “Jugendkunstwoche” statt, während der die Teilnehmer Performances aufführen. Auf der Straße, aber auch in öffentlichen oder privaten Räumen. Die Jugendlichen haben nämlich auch kurze Theaterszenen entwickelt, die in Positivbeispielen erzählen, wie mit Flüchtlingen umgegangen werden sollte – etwa, dass es wichtig ist, an der Kasse im Supermarkt Geduld und Verständnis zu zeigen. Um möglichst viele solcher Situationen umsetzen zu können, haben die Jugendlichen im Vorfeld Interviews mit Flüchtlingen, Institutionen und lokalen Ladenbesitzern geführt. Aus diesen Befragungen entwickelten sie die verschiedenen Szenen.

Die Idee zu dem Projekt stammt vom Landesjugendwerk der AWO Bayern. Doch warum wurde es gerade in Poing umgesetzt? “Wenn Integration funktioniert, dann hier”, ist sich Drozak sicher. Die Gemeinde engagiere sich bereits viel für Menschen mit Fluchthintergrund. Unter anderem habe es in Poing schon früh ein fertiges Konzept gegeben, wie sich Integration auf kommunaler Ebene realisieren lasse.

Das Ziel des Projektes: Begegnungen auf Augenhöhe

Um Jugendliche für das Projekt zu begeistern, warben die Verantwortlichen der Awo an Poinger Schulen dafür. Da hätten sich schnell Freiwillige gemeldet, erzählt Drozak. Zusätzlich habe man in Wohngruppen für minderjährige Flüchtlinge nachgefragt. “Auch da haben sich fünf oder sechs Jugendliche gefunden”, freut sich der Poinger. So wurde dieses Projekt nun von Jugendlichen mit und ohne Fluchthintergrund gemeinsam realisiert. Unterstützung sei dabei allerdings gar nicht viel nötig gewesen, sagt Drozak. Die Jugendlichen selbst hätten die Impulse gegeben und die meiste Arbeit übernommen. Sogar die Entwürfe für das Logo, die von einer Grafikerin vorgestellt wurden, hätten sie verworfen und stattdessen lieber selbst eines gestaltet. “Wir waren eigentlich nur dazu da, ihren Ideen eine Form zu geben”, so Drozak.

Das Ziel des Projektes: Begegnungen auf Augenhöhe – das sei bei Kindern und Jugendlichen völlig normal, so Drozak. “Die leben einfach miteinander.” In den Köpfen der Erwachsenen hingegen verfestigten sich die Rollen der Deutschen als Helfer und der Geflüchteten als Bedürftige immer mehr. Dagegen wolle die Initiative Wertewapperl vorgehen.

Geplant ist bereits, dass die jungen Schauspieler ihre Performances am Mittwoch 26., und Donnerstag, 27. Juli, an verschiedenen Orten in Poing zeigen. Zum Beispiel vor Arztpraxen, Geschäften, Büros oder sozialen Einrichtungen. Den Anfang macht die Gemeinde Poing: Am Mittwoch, um 13 Uhr spielen sie vor dem Rathaus und übergeben Bürgermeister Albert Hingerl ein Wertewapperl. Und für den Abschluss suchen sie noch ein Wohnzimmer, das sie zum Abendbort bespielen dürfen. “Mit uns machen Sie ihre gute Stube salonfähig, zumindest im Sinne der Demokratie.” Darüber hinaus sind die Jugendlichen “offen für jeden Impuls, wo wir mit unserer Performance aufkreuzen sollen.”

Wer die Jugendlichen in seinem Wohnzimmer, seiner Praxis, seiner Einrichtung oder seinem Laden spielen sehen möchte, kann einen Termin unterbooking@wertewapperl.de vereinbaren.

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