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Warum wir noch mehr „Herzwerker“ brauchen – NZ

17. Februar 2016

Kompetente Betreuung im Kindergarten, gute Pflege im Alter – das will jeder für sich und seine Familienangehörigen. Dazu braucht die Gesellschaft gut ausgebildete Fachkräfte. Wie das geht, darüber sprach die NZ mit der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml und der bayerischen Sozialministerin Emilia Müller.

NZ: Wie groß ist der Fachkräftemangel im Sozial- und Gesundheitsbereich?

Emilia Müller: Seit 2006 ist in Bayern der Bedarf an Fachkräften in der Kindertagesbetreuung um fast 87 Prozent gestiegen. Deshalb wird die Suche nach geeignetem Personal vor allem in den Ballungsräumen zunehmend schwierig. Eine weitere Herausforderung wird die Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sein. Hier wird der Bedarf an Fachkräften noch einmal erheblich ansteigen, auch wenn wir jetzt dazu keine Prognosen abgeben können.

Melanie Huml: Im Moment haben wir noch genug Pflegekräfte. Da es immer mehr ältere Menschen geben wird, werden wir aber viel mehr Pflegekräfte brauchen. Eine Studie, die wir vor kurzem in Auftrag gegeben haben, hat ergeben, dass für die nächsten fünf Jahre allein 8800 Ausbildungsplätze in der Altenpflege zusätzlich notwendig werden.

NZ: Müssen wir Sorge haben, dass sich durch den Fachkräftemangel die Standards verschlechtern?

Müller: Ein knappes Angebot an Fachkräften birgt natürlich die Gefahr, dass es zu Engpässen kommt. Wir reagieren hier auch und setzen die zahlreichen Werkzeuge, die wir zur Qualitätssicherung haben, verstärkt ein. Dazu gehören zum Beispiel qualifizierte Einarbeitung, Fort- und Weiterbildung oder auch regelmäßige Supervision.

Huml: Dies gilt auch für die pflegerischen Berufe. Wir müssen schauen, warum wir den einen oder anderen während der Ausbildung oder schon im Beruf verlieren. Diese Fachkräfte weiter zu halten, wäre schon viel gewonnen. Neben der Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, gehören auch andere Maßnahmen dazu. Zum Beispiel das Projekt „Pflegende pflegen“. Hier geht es darum, das betriebliche Gesundheitsmanagement in Pflegeeinrichtungen zu verbessern. Eine Kur rechtzeitig zu beantragen, den Angestellten die Teilnahme an einer Rückenschule zu ermöglichen – all das kann helfen, den oft hohen Krankheitsstand in der Belegschaft zu reduzieren.

NZ: Wie kann die Attraktivität der sozialen Berufe steigen?

Müller: Das Gesamtpaket muss stimmen: Soziale Berufe verdienen größte Wertschätzung. Darüber hinaus müssen aber auch eine gerechte Bezahlung und attraktive Rahmenbedingungen gegeben sein, in denen sich soziales Engagement und berufliche Weiterentwicklung ergänzen können.

Huml: Ja, dazu gehört nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, sondern auch die entsprechende Bezahlung sowie die Arbeitsbedingungen. Hier sind die Einrichtungsträger in der Verantwortung. Von politischer Seite her sind wir mit den Kassen und Einrichtungsträgern im Gespräch und können den einen oder anderen Akzent auch setzen. Im vergangenen Jahr habe ich zum Beispiel einen Fünf-Punkte-Plan für die Verbesserung der Ausbildungsbedingungen in der Altenpflege vorgelegt. Da geht es neben einem Ausbau der „Herzwerker“- Kampagne darum, eine Ausbildungsumlage einzuführen, den Arbeitsalltag von unnötigen Dokumentationsaufgaben zu entschlacken, die Praxisanleitung für die Auszubildenden zu verbessern sowie um ein Projekt zur Verringerung von Ausbildungsabbrüchen. Wir müssen weiterhin für diese Berufe werben.

NZ: Zum Beispiel mit verschiedenen Kampagnen?

Müller: Das Image der sozialen Berufe hat sich bereits verbessert: Derzeit gibt es meist mehr Bewerberinnen und Bewerber, die die Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher machen wollen, als freie Studienplätze. Die Kampagne „Herzwerker“, mit der für soziale und pflegerische Berufe geworben wird, hat dazu beigetragen. Und natürlich wollen wir auch junge Männer ansprechen, um sie für einen sozialen Beruf zu interessieren.

Huml: Die Herzwerker-Kampagne nimmt vor allem die Schulabgänger in den Blick und ist erfolgreich, so ist mein Eindruck. In den vergangenen fünf Jahren ist die Schülerzahl in der Altenpflege immerhin um über 34 Prozent gestiegen. Wir müssen uns aber breit aufstellen und auch andere Zielgruppen im Auge haben, etwa Menschen mit Migrationshintergrund. Oder etwa Frauen, die nach der Familienphase nicht mehr in ihren alten Beruf zurückkehren wollen und die vielleicht zu Hause jemanden gepflegt haben. Ich höre zum Beispiel oft von Heimträgern, dass gerade diese Frauen lange und konstant in der Pflege arbeiten.

Müller: Weiterbildung ist ein sehr wichtiges Thema für uns. Wir haben bereits 2011 die ersten Maßnahmen ergriffen und dafür viel Geld in die Hand genommen. Sieben Millionen Euro stehen zur Verfügung, um es etwa Quereinsteigern oder ausländischen Bewerbern mit einem passenden akademischen Abschluss zu ermöglichen, Fachkraft für die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen zu werden.

NZ: Frau Huml, ab dem Jahr 2016 wird eine generalistische Pflegeausbildung möglich (Anm. d. Red.: Eine Ausbildung, die die Arbeit sowohl in einem Krankenhaus als auch in der Altenpflege ermöglicht). Besteht da nicht die Gefahr, dass danach viele Auszubildende das Krankenhaus dem Altenheim vorziehen?

Huml: Mit der generalistischen Pflegeausbildung steigt die Attraktivität für den Pflegeberuf, weil sie Menschen Möglichkeiten bietet, ihr Einsatzgebiet zu ändern. Wir müssen natürlich schauen, dass die Altenpflege attraktiv genug ist, damit sich genügend Auszubildende für die Altenpflege entscheiden.

NZ: Frau Müller, eine fünfjährige Ausbildung zum Erzieher: Ist das nicht zu lang?

Müller: Im kommenden Schuljahr startet ein Schulversuch, der die Erzieher-Ausbildung attraktiver machen soll. Er heißt „OptiPrax“ und richtet sich auch an Bewerbergruppen, die etwa ein Fachabitur oder andere Berufsabschlüsse haben. Insgesamt soll man in diesem Schulversuch die Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher in drei oder vier Jahren abschließen können.

Fragen: Ella Schindler

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