& Allgemeines
Walther Rathenau in der Nordkurve – NZ

1. Mai 2012

135409407.thumbnail

NÜRNBERG – Einen “Ausflug nach Rapallo” habe er unternommen, schreibt Walther Rathenau seiner Mutter. “Näheres in der Zeitung.” Eine lapidare Notiz über eine ganz und gar nicht lapidare Konferenz. Im April 1922 handelt der Reichsaußenminister in der italienischen Kleinstadt mit der Sowjetunion einen Sondervertrag aus, in dem beide Länder den Verzicht auf gegenseitige Ansprüche erklären.  Es wird sein letzter großer Auftritt auf der politischen Bühne: Zwei Monate später töten Mitglieder der rechtsextremistischen Organisation Consul den Minister mit Maschinengewehrschüssen und einer Handgranate in Berlin. Die Tat hat auch einen antisemitischen Hintergrund, Rathenau ist jüdischer Herkunft.

Eberhard Görner hat einen 59-minütigen Dokumentarfilm über den bedeutenden Staatsmann der Weimarer Republik gedreht und ihn kürzlich im Kulturprojektbüro Nordkurve als Premiere gezeigt. “Von kommenden Dingen… Walther Rathenau in Freienwalde“ ist der Film überschrieben, der den letzten Lebensabschnitt Rathenaus beleuchtet: 1909 erwirbt der damals 42-jährige Politiker dort ein Anwesen, 13 Jahre später fällt er dem Attentat zum Opfer. Rathenau hat sich das Ende des 18. Jahrhunderts für Königin Luise erbaute Schloss in Freienwalde gekauft und damit deutlich gemacht, wie sehr er sich in der preußischen Tradition verhaftet sieht – auch wenn die antisemitische Propaganda, unter der er früh leiden muss, ihm eben dies absprechen will.


Der ruhige, nachdenkliche Streifen mit schönen Landschaftsaufnahmen lässt neben einigen Experten nur Rathenau selbst zu Wort kommen, es wird aus seinen Briefen und Büchern zitiert (Sprecher: Max Volkert Martens). Im brandenburgischen Bad Freienwalde, das Rathenau als Rückzugsort dient, verfasst er sein Buch “Von kommenden Dingen“ (1917), in dem Rathenau über eine europäische Einigung räsoniert. Nicht nur in der Europafrage beweist das Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), dass es über den Tag hinausdenkt. Als der Erste Weltkrieg beginnt, schreibt Rathenau: “Die Welt ist von Sinnen.“ Damit steht er in der allgemeinen Kriegseuphorie weitgehend alleine da. Doch, wie FDP-Politiker Utz Ulrich pointiert ausführt, ist es oft das Risiko des Liberalen, “einsam zu sein“. Die Stadträte Ulrich und Michael Ziegler (SPD) waren bei der Filmvorführung als städtische Vertreter dabei.

Rathenaus Skepsis gegenüber dem Krieg hindert den Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau freilich nicht daran, auch wirtschaftlich zu denken: Er richtet eine Kriegsrohstoffabteilung ein, um die Verteilung kriegswichtiger Rohstoffe zu organisieren. Am Ende seines Lebens, auch dies macht der Film anhand bewegender Briefzeugnisse deutlich, ist Rathenau zunehmend desillusioniert.

Einst Polizeiruf-Erfinder heute Walther-Rathenau-Fan
Görner lebt selbst in Bad Freienwalde, doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb ihn Rathenau fasziniert und zu einem Filmprojekt inspirierte: “Er ist ein Denker von großer visionärer Kraft.“ Heute, findet Görner, fehlt es in der Politik an dieser Weitsicht. Der Autor, der für seinen Film mit dem Nürnberger Kameramann Markus Stoffel zusammenarbeitete, hat einst den “Polizeiruf 110“ (das ostdeutsche Pendant zum “Tatort“) mit ins Leben gerufen. Mit der heutigen “Krimischwemme“ kann er sich nicht recht anfreunden. Da findet der 67-Jährige geschichtliche Themen spannender.

Rathenaus Tod jährt sich am 24. Juni zum 90. Mal, im zeitlichen Umfeld möchte Christiane Schleindl vom Filmhauskino (Königstraße 93) Görners sehenswerte Dokumentation gerne noch einmal zeigen.

Dieser Beitrag wurde unter & Allgemeines veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.