& Der Barfreitag& PressespiegelNordkurve - Aktuell
Von Langeweile keine Spur! – NZ

1. Juni 2016

Leben

NÜRNBERG – Über die “Jugend von heute” glaubt wohl jede Generation von Erwachsenen Bescheid zu wissen. Doch wer sind diese jungen Leute, was denken sie über ihre Stadt, ihre Zukunft, welche Hoffnungen und Ängste tragen sie mit sich herum? Die NZ hat junge Nürnberger zu Wort kommen lassen. In einer Serie stellen wir unsere Gesprächspartner vor.

Raum für spontane Ideen ist rar. Wohin mit einem überdimensionierten Bett als Experimentierfeld? Anja Gmeinwieser und Senta Hirscheider haben den idealen Ort für ihre Versuchsanordnung gefunden: die „Nordkurve“ an der Rothenburger Straße, ein Raum von überschaubarer Größe, mit Bar und zwei Schaufenstern, der jungen Kreativen die Möglichkeit bietet, ihre Gedanken in die Realität umzusetzen.


Als „Laboratorium für alle“ bezeichnet der Theaterpädagoge Jean-François Drozak sein Projekt. Er stellt die „Nordkurve“, die eigentlich sein Büro ist, gerne zur Verfügung. Auch die NZ-Kiezredaktion findet in regelmäßigen Abständen hier statt und – wie angekündigt – diesmal im überdimensionalen Bett. Hier wollen wir mit unserer Sammlung beginnen, junge Leute nach ihrer Meinung fragen, nach ihrem Leben, ihrer Stadt. Unsere Zielgruppe: Menschen im Alter zwischen 15 bis 24 Jahren, die nach der Definition des Statistischen Bundesamts als Jugendliche gelten.

In Nürnberg macht diese Gruppe etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus. Zum 31. Dezember 2014 hatten 57.000 15- bis 24-Jährige ihren Hauptwohnsitz hier gemeldet. Die Einwohnerzahl insgesamt lag zu diesem Zeitpunkt bei 516.770. Die größte Gruppe sind die 45- bis unter 60-Jährigen – 110.784 Menschen gehörten Ende 2014 dazu. Im Durchschnitt waren die Nürnberger zu dem Zeitpunkt 43,5 Jahre alt.

Anja Gmeinwieser und Senta Hirscheider, die Kreativen vom „Kollektiv Naiv“, sind unserer definierten Zielgruppe schon ein bisschen entwachsen – die beiden sind 27 Jahre alt. Trotzdem interessiert uns auch ihre Meinung. Außerdem haben sie zum Abschluss ihres Bettprojekts eine Menge junger Leute in die „Nordkurve“ gelockt, denen unser Hauptaugenmerk gilt.

Die beiden jungen Frauen waren eine Woche lang vor Ort und haben Passanten dazu eingeladen, sich zu ihnen zu gesellen, zum Teetrinken, Reden, Nachdenken. „Im Lümmeln kommen einem die besten Ideen“, sagt Senta Hirscheider. Ihre ganz persönliche Meinung über Nürnberg: „Ich fühle mich sehr wohl hier. Nürnberg ist nur ein bisschen Großstadt. Aber jeder Stadtteil hat seine ganz eigene Identität. Das ist das Spannende.“ Nürnberg sei einfach schön, sagt sie. „Die Altstadt ist cool, der Pegnitzgrund wunderbar . . .“ Im Vergleich zu München könne man sich hier relativ frei bewegen, findet Anja. „Man wird nicht gleich schräg angeschaut, wenn man mal ein bisschen anders aussieht. Ich mag Nürnberg total.“

Je später der Abend, desto voller die „Nordkurve“. Im Schaufenster spielt eine Band. Auf dem Bett, das aus vier Matratzen besteht, auf sieben Paletten ruht und mit vielen Kissen bestückt wurde, ist kein Plätzchen mehr frei. Die jungen Leute haben Spaß an dem Kommunikations-Experiment und sind begeistert von dem Ort, an dem so etwas möglich ist. Das Thema Stadt ruft erstaunlich viel positive Resonanz hervor. Wenn sie etwas an Nürnberg zu kritisieren haben, dann zum Beispiel das: Dass es zu wenig Raum für Subkultur gibt, zu wenig Platz für Spontanität, zu wenig „Nordkurve“. „Die Stadt hätte die Quelle kaufen sollen“, finden Anja und Senta.

Immer wieder wird Berlin als Beispiel herangezogen. Im Vergleich zur hippen Hauptstadt kommt Nürnberg bei den jungen Leuten richtig gut weg. Sie mögen das Übersichtliche, das Stadtbild, die kurzen Wege. Sie leben gerne in dieser kleinen Großstadt, der Rummel der Mega-Metropolen lockt sie wenig. Sie wissen, was sie an dieser überschaubaren fränkischen Stadt haben. Vielleicht hält sich auch deshalb ihr Interesse an Kommunalpolitik in Grenzen.

Aber Wünsche an die Politik gibt es doch: ein besseres Radwegesystem, günstigere VAG-Tickets, die Abschaffung der Sperrstunde, damit man nicht vor dem Club in der Kälte warten muss, bis er wieder aufmacht. Langweilig findet Nürnberg hier in der „Nordkurve“ an diesem verregneten Dezemberabend niemand. Vielleicht, weil alle selbst voller Ideen stecken. Daniel ist 25 Jahre alt und Mediengestalter von Beruf. Er würde, wenn er denn könnte, alle Smartphones in den öffentlichen Verkehrsmitteln verbieten. Was ihm fehlt: Ruhe, eine echte Kommunikation und mehr Gemeinschaft der Generationen. „Es fehlt an Treffpunkten“, sagt Tim, 24 Jahre alt, ebenfalls Mediengestalter. „Es müsste mehr solche Orte wie die „Nordkurve“ geben, wo man spontan etwas machen kann und dann mal ältere Menschen dazu kommen. Unsere Generation hat auch sehr viel zu bieten.“

Hätte er 50 Millionen Euro zur Verfügung, um in Deutschland etwas zu verändern, dann würde Daniel das Geld in all die Dinge investieren, die Nächstenliebe befördern. Sein großes Vorbild: Jesus Christus. Lucas, im IT-Bereich tätig, 25 Jahre alt, kann dem Buddhismus mehr abgewinnen als dem Christentum. „Ich bin ein spiritueller Mensch“, sagt er. „Aber an Gott glaube ich nicht.“ Was bei Daniel auf Widerspruch stößt: „Atheismus geht gar nicht!“ Die beiden finden in Fragen des Glaubens keinen gemeinsamen Nenner, doch ihr Meinungsaustausch bleibt freundlich und argumentativ.

Lucas ist eine guter Zuhörer. Bald schon wird er sich auf den Weg machen, sich ein Wohnmobil kaufen und losfahren. Wohin, das weiß er noch nicht. Sein Ziel ist der Weg. Erfahrungen will er sammeln. Solange das geht – Jungsein dauert schließlich nicht ewig.

Gabi Eisenack

Dieser Beitrag wurde unter & Der Barfreitag, & Pressespiegel, Nordkurve - Aktuell veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.