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VIVA statt FIVA – Die NZ Kolumne

19. November 2014

mundo libre

In Brasilien gibt es nur einen Schultyp. Schulpflicht gibt es bis zum 18. Lebensjahr. Sehr viele junge Brasilianer erlangen so das Abitur, doch nur zehn Prozent werden an einer Universität zugelassen. Die Aufnahmeprüfungen sind schwer.
In Belem prostituieren sich Studierende aus armen Verhältnissen nachts, um tagsüber an einer privaten Uni studieren zu können. Für die Verbesserung der Lebenssituation dieser jungen Menschen gehen Brasilianer seit über einem Jahr auf die Straße.


Bruna ist Studentin an einer privaten Uni, und fühlt sich zwischen allen Stühlen. Sie ist nicht reich, sie ist nicht arm. Und genau das ist ihr Problem. Sie studiert Veterinärmedizin in Porto Alegre. Während andere Studierende in fünf Jahren das Studium beenden können, wird die 25-Jährige wohl zehn Jahre dafür benötigen. Sie studiert an einer privaten Universität. Bruna kann sich nicht alle Semesterstunden leisten. 1300 Euro müsste sie dafür im Monat aufbringen. Mit rund 350 Euro wird sie von der Familie unterstützt. Mit einem Halbtagsjob kommen weitere 300 Euro hinzu. „ In den ersten Semestern hatte ich einen Nebenjob an der Uni. Vormittags saß ich in den Vorlesungen. Bis 20 Uhr arbeitete ich in der Verwaltung. An den Wochenenden lernte ich für die Prüfungen. Glücklicherweise konnte ich nach wenigen Semestern den Nebenjob aufgeben. Seither arbeite ich in der Privatklinik meines Freundes“, sagt sie.

Ricardo ist Tierarzt. Beide lernten sich vor zwei Jahren auf einem Semesterfest kennen. Nach seinem Studium gründete der 33-Jährige eine eigene Tierklinik. Bruna hat in seiner Klinik ein reguläres Lohnverhältnis. Nach Beendigung ihres Studiums wollen beide die Klinik gemeinsam führen. Was Bruna anfänglich frustrierte, erweist sich im Nachhinein als Vorteil. Sie baut mit ihrem Partner neben dem Studium eine eigene Klinik auf.
Studienplätze an staatlichen Universitäten sind sehr begehrt, weil sie nichts kosten. Wer keinen bekommt, und es sich wie Bruna halbwegs leisten kann, studiert an einer privaten Universität. Da die Regierung vielen jungen Menschen einen Studienplatz ermöglichen will, übernimmt sie mit zusätzlichen Stipendien die Studiengebühren privater Hochschulen. Bewerben können sich nur diejenigen, die ihr Abitur auf einer staatlichen Schule gemacht haben. Das macht nicht immer Sinn, auch wenn in den meisten Fällen nur wohlhabende Eltern ihre Kinder auf Privatschulen schicken.

Brunas Eltern können sich die Studiengebühren für ihre Tochter nicht leisten. Sie war zwar auf einer Privatschule in Nova-Hamburg, allerdings unfreiwillig. Das dortige städtische Schulamt versucht mit einer juristisch fragwürdigen Praxis, der Situation an den überfüllten Schulen Herr zu werden. Ab einer Gehaltsobergrenze wird Eltern „ausdrücklich empfohlen“, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Da Brunas Eltern nur knapp über diese Obergrenze verdienten, viel es ihnen schwer, für die Schulgebühren ihrer drei Kinder aufzukommen. Und der Besuch einer Privatschule ist keine Garantie dafür, die Aufnahmeprüfungen an einer staatlichen Universität zu bestehen. Sie fiel durch, hat aber auch keinen Anspruch auf ein Stipendium.

Bruna ist nicht im Fokus der Protestbewegung. Sie gehört der Mittelschicht an und gilt daher als wohlhabend. Ein kleiner Trost bleibt ihr, sagt sie: „ich kann mich immerhin auf die WM freuen“.

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