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Viva statt Fifa – die NZ-Kolumne

7. November 2014

Auch heute zieht es viele junge Brasilianer in die Großstädte. Doch manche kehren wieder zurück, wie etwa Juliano.
Morretes ist ein beliebter Ausflugsort nicht weit weg von Curitiba. Zwischen beiden Orten gibt es eine der wenigen Zugverbindungen Brasiliens, die auch Personen befördert. Der Zug fährt durch eine paradiesische Landschaft, der Serra do Mar. Obwohl Morretes nicht direkt am Meer liegt, ist der Ort von Touristen überlaufen.


Juliano (30) ist in Morretes aufgewachsen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine Frau und er haben sich ein kleines Haus gebaut, neben dem seiner Eltern. Juliano lebt sehr gerne in Morretes. Dort erreicht man alles mit dem Fahrrad. Die Natur ist gleich vor der Haustür. Die Kinder könnten eigentlich unbesorgt auf der Straße spielen. Wäre da nicht seine Frau, die beim täglichen Frühstücksfernsehen sich in ihrer Angst bestätigt fühlt: Mord und Totschlag in Rio, Unfalltote in einem Vorort von Porto Alegre, Schwerverletzte vor einer geschlossenen Klinik.

In Morretes gab es nach Wissen von Juliano im vergangenen Jahr nur eine Demonstration. Er selbst konnte nicht dabei sein, denn er musste in Curitiba arbeiten. Allerdings versteht er den Unmut der Leute: Die einzige Klinik der Umgebung ist überfordert. Viel zu lang warte man auf eine Behandlung, und manchmal ist sie auch einfach geschlossen.

Es sind die jungen Bewohner der Kleinstadt, die sich die Frage stellen, wie sie morgen leben wollen. Die Unabhängig von ihrem Bildungsstand haben sie die Demonstration über das Internet organisiert. „Ins Internet kann jeder“, erzählt Juliano. „Man braucht dafür nicht einmal einen eigenen Computer. Eine Stunde im Internetcafé kostet 3 Real, und ist billiger als eine Dose Cola“.

Junge Erwachsene sieht man unter der Woche in Morretes kaum. Viele arbeiten in Curitiba. Manche pendeln jeden Tag 200 Kilometer. Die meisten bleiben gleich dort, und besuchen ihre Familien nur sonntags.
Heute arbeitet Juliano nicht mehr in Curitiba, sondern in der Tourismusbranche in Morretes. Seine Karriere begann er aber als 15-Jähriger auf den Plantagen nicht weit weg von seiner ehemaligen Schule. In Morretes leben viele Großgrundbesitzer. Sie bauen Bananen, Zuckerrohr und Gemüse an. Juliano ist sich sicher, dass sie auch heute noch gemeinsam mehr Macht besitzen als die Stadtverwaltung. In Brasilien sind nicht registrierte Arbeitsverhältnisse verboten. Morretes Plantagen sind trotzdem voll von Tagelöhnern, die pro Stunde weniger als 2 Real verdienen.

Mit 25 Jahren beschloss Juliano, sich einen registrierten Job zu suchen. In Morretes ist das kaum möglich, weil die wenigen registrierten Arbeitsplätze unter der Hand an Familienmitglieder von bereits Angestellten vergeben werden. Juliano zog nach Curitiba und arbeitete in einer Fabrik. Er ertrug es bald nicht mehr „beziehungslos“ zu leben, und arbeitete wieder auf den Plantagen Morretes. Doch da dies auf lange Sicht für ihn keine Perspektive darstellte, versuchte er es im Dienstleistungssektor Curitibas, bevor er in die Tourismusbranche in seine Heimatstadt wechseln konnte.

„Du kannst nicht einfach an der Rezeption anfangen zu arbeiten, oder in einem Restaurant. Du musst Dich Stufe für Stufe hocharbeiten. Du beginnst als Rasenmäher. Dann arbeitest Du als Reinigungskraft, Parkwächter, Laufbote, und irgendwann kommt man als Kellner oder für die Hotelrezeption in Frage.“ Es gibt keine formale Ausbildung, dafür aber ungeschriebene Gesetze auf dem Weg zu einem guten Job im Dienstleistungssektor. Juliano hatte Glück.

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