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Viva statt Fifa – Die NZ-Kolumne

1. April 2015

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Junior Cirino ist Moderator des erfolgreichen Regionalsenders Lagoa-FM in Gauchos im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Seine humorvolle Strategie für die WM 14 lautet: „Der Trainer muss nur unsere südbrasilianischen Trinkregeln einführen. Wenn die Nationalelf sie verinnerlicht, ist uns der nächste Titel sicher. Denn wie der Becher, so der Ball.“
Und so sinddie Trinkregeln: 1. Nimm den Becher immer mit der Rechten an. 2. Bedanke Dich bei dem, der Dir den Becher reicht. 3. Ziehe durch, bis nichts mehr geht. 4. Am Schlürfen erkennst Du, dass nichts mehr geht. 5. Statt dich am Becher festzukrallen, gib ihn lieber ab. 5. Benutze die Linke, falls Du gerade mit der Rechten verhindert bist.
Cirino trinkt kaum Alkohol. Viel zu oft muss er über Autounfälle direkt vor Ort berichten. Seine Regeln gelten für den „chimarrão“, einem Mate-Tee. Das Getränk wird Mithilfe eines wiederverwendbaren Metallstrohhalms und aus schön verzierten Holzgefäßen getrunken.


Der Regionalsender Lagoa-FM trifft mit seinem Programm die Grundstimmung des Gauchos, wie der Bewohner von Rio Grande do Sul oft bezeichnet wird. „Die Berichterstattung rund um die WM sollte regionalgefärbt sein“, sagt Roman. Er lebt in Lagoa Vermelha und hört den Sender gern. Bestens gefällt dem 27-Jährigen die Mittagssendung. Auf Lagoa–FM werden regionaltypische Musikstile gespielt. Ab 12 Uhr sind die „bandinhas“ dran, eine mit Samba durchtriebene bayerische Blaskapellenmusik.
„Unsere Zuhörer mögen `bandinhas´“, sagt Cirino. „Kaum jemand außerhalb unserer Region kennt diese Musikrichtung.“ Aus den Armenvierteln der Stadt erhaltet der Sender jeden Tag zahlreiche SMS-Mitteilungen mit Liedwünschen. „Unsere Telefondamen und ich unterhalten uns abwechselnd mit ihnen über das Wetter, die Unfallopfer des Vorabends, oder aktuelle Themen. Wir nehmen unsere Zuhörer ernst. Aber eine internationale Fußball-WM südbrasilianisch zu vermitteln, da wird zu viel verlangt“, sagt Cirino.

Der Brasilianer moderiert einmal die Woche eine offene Diskussionsrunde. Seine Talkgäste können spontan entscheiden, über was sie sprechen wollen: „Menschen mit und ohne Fachwissen unterhalten sich im Studio eine Stunde lang über das, was sie gerade bewegt.“ Vor kurzem wurde diskutiert, warum der Verkauf von Alkohol in den WM-Arenen zugelassen wird. Der Ausschank ist nämlich in Brasiliens Fußballstadien grundsätzlich verboten. „Die FIFA und internationale Interessen gehen vor Nationalen, so war der Tenor der Diskutierenden“, berichtet der Moderator.

Cirino wünscht sich, dass die Sportsgäste aus dem Ausland Brasilien mit einer offenen Haltung besuchen. Als Journalist weiß er aber auch, dass man Menschen nicht verbieten kann, was sie zu denken und zu schreiben haben. Und er hofft, dass in einer der nächsten Sendungen die Spieltaktik der Nationalmannschaft scharf debattiert wird: „Der eingeladene Rechtsanwalt mit einem Metzger, der Chirurg mit dem Bäcker von nebenan. Die Brasilianer sehnen sich wieder nach verspieltem Fußball. Vielen spielt die Nationalelf zu europäisch. Aus europäischer Perspektive ist ein Fußballfeld etwas ganz Großes. Um sich auf seine Spielfläche bewegen zu können, muss der Europäer sie strukturieren. Die südbrasilianische Seele ist Weite gewöhnt. Sie braucht sie nicht zu ordnen. Sie tanzt lieber auf dem Rasen.“

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