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Viva statt Fifa – die NZ-Kolumne

10. März 2015

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Die Mehrzahl der Einwanderer im südlichsten brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul kommt aus Italien oder Deutschland. Sie haben das ihnen zur Verfügung gestellte Land zu dem gemacht, was es heute ist. Schon im Heimatland erhielten sie eine Grundstücksnummer ausgehändigt. Sie mussten sich durch ganz Brasilien durchfragen, bis sie dann im Süden ankamen. Um sie herum war Niemandsland. Nachts mussten sie sich gegen wilde Tiere schützen. Tagsüber machten sie den Urwald urbar. Sie haben diesen Teil Brasiliens zu einem der fruchtbarsten Regionen der Welt gemacht.

Eine nicht endende Agrarlandschaft zieht da an einem vorbei. Man bekommt leicht den Eindruck, mit dem Ertrag der Ernte die Weltbevölkerung ernähren zu können. Familie Opel ist vor fast zweihundert Jahren aus Europa eingewandert. In Ernestina haben sie sich niedergelassen. Einer der Brüder hat „sich wieder ´rüber gemacht“ vor wenigen Jahren. Stefan hat in Stuttgart für einen bekannten Pumpenhersteller gearbeitet. Heute vertreibt der 41-Jährige deren Geräte in der Heimat: „Die Deutschen sind uns mit ihren Landwirtschaftsgeräten um rund 30 Jahre voraus. Am Anfang hatte ich Hochachtung vor deren Leistung. Durch mein Deutschlandaufenthalt sehe ich die Dinge heute differenzierter. Ich weiß nun, weshalb sie so innovativ sind. Sie müssen mit wenig Agrarland auskommen. Intensive Landwirtschaft ist für sie ein Muss. In manchen Teilen Brasiliens bringen wir es naturbedingt bis zu vier Ernten pro Jahr. Deutsche Landwirte müssen uns mit ihren Geräten voraus sein. Wir sollten weiterhin entspannt ernten, statt ihnen nachmachen zu wollen.“

Viele Bauern haben investiert, und sich effektivere Maschinen zugelegt. Statt ihre Gewinne zu steigern, mussten sie allerdings Einbußen hinnehmen. In den letzten Jahren sank der Weizenpreis, weil der Ertrag stieg. Gemindert werden die Gewinne zudem durch strenge Zollbestimmungen. „Wir kamen in Ernestina und Umgebung mit dem Abernten nicht mehr nach. Ich verstehe nicht, warum die Regierung in dieser Situation auch noch Weizen aus Kanada und den USA hinzugekauft hat. Unser Weizen wird bereits verzollt, wenn er die Grenzen Rio Grande do Sul passiert. Importierter Weizen aus Nordamerika hingegen wird nicht verzollt“, sagt Stefan.

Aus der Sicht von Stefan macht es derzeit keinen Sinn, Turbo-Landwirtschaft zu betreiben. Die Regierung unterbindet dies mit einer restriktiven Binnenmarktpolitik. Für ihn spricht vieles dafür, dass das Umweltministerium dahintersteckt. Es gibt auch ein neues Gesetz, dass den Anbau von Monokulturen begrenzt. Oder aber die Regierung spekuliert mit brasilianischem Weizen auf dem Weltmarkt. Genaueres weiß Stefan allerdings nicht. Die Hauptstadt Brasilia ist einige tausend Kilometer weit weg. Verordnungen auf Bundesebene haben Auswirkungen auf Landwirte im Süden. Was sie allerdings bezwecken sollen, wissen die wenigsten.

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