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Viva statt Fifa – die NZ-Kolumne

10. Februar 2015

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Vier Tage klagte ich schon über Zahnschmerzen. Mein Zahnarzt in Deutschland hatte kurz vor meiner Abreise eine neue Krone eingesetzt. Die Schmerzen wurden über das Wochenende unerträglich. So hatte ich endlich die Gelegenheit als Privatpatient in Brasilien behandelt zu werden.


Samstag, 23 Uhr 30: Ich rufe in einer privaten Praxis an, die rund um die Uhr offen hat. Nach vier Versuchen geht der Zahnarzt ran. Er hat heute Nacht für mich keine Zeit. Ich soll morgen noch einmal anrufen. Einen festen Termin will er mit mir nicht vereinbaren, da er auf einer Party eingeladen ist. Er weiß nicht, ob er es wirklich schafft. Ich entscheide mich für Schmerztabletten.

Sonntag: An der Hotelrezeption erfahre ich von einer anderen Praxis. Ich werde von einem jungen Arzt empfangen. Der Behandlungsraum hat keine Fenster. Der Behandlungsstuhl ist alt. Die Instrumente sind klobiger als bei meinem Zahnarzt. Ich vermisse ihn zum ersten Mal. Der brasilianische Arzt sagt, ich habe nur Karies und sagt, dass mein Zahnarzt gut gearbeitet hat. Trotzdem muss die Krone angebohrt werden. Der junge Mann ist alleine in der Praxis. Er setzt die Spritze sanft und bohrt eine gefühlte Stunde.Zum Abschied sagt er, dass die Krone von bester Qualität gewesen sei. Aus diesem Grund musste er so lange bohren. Eine weitere Behandlung sei eigentlich nicht mehr nötig. Er verschreibt mir ein starkes Schmerzmittel. Wenn nach 24 Stunden die Schmerzen nicht aufhören sollten, muss ich wieder kommen. Mein Zahnarzt in Deutschland wird die Krone wieder reparieren müssen.

Montag: Die Schmerzen hören nicht auf, und ich habe nur noch drei Schmerztabletten. Ich gehe zur Zahnarztpraxis. Dieses Mal werde ich von einer rauchenden Empfangsdame empfangen. Der junge Arzt ist heute nicht da. Sein älterer Kollege beschimpft die Empfangsdame, da sie in der Praxis raucht. Von da an ist er für mich „Der General“.
Ich erkläre dem General die Vorgeschichte und bitte ihn um weitere Schmerztabletten. Er lehnt ab, schreibt mir dafür ein Antibiotikum auf Rezept. Mit diesem Mittel wird es mir wieder gut gehen, sagt der General. Skeptisch verlasse ich die rauchende Praxis. Ich suche in den Straßen Porto Alegres nach einem neuen Zahnarzt.

Zwei Stunden später sitze ich auf dem Zahnarztstuhl einer schönen Praxis. Über mir sind zwei Zahnarztköpfe, inklusive Assistentin. Alle drei können nicht mehr aufhören zu lachen. Sie betrachten sich das Ergebnis der Raucherpraxis an. Der Karies wurde nur halbwegs entfernt. Der Bohrer scheint hier zu funktionieren. Ich erfahre, dass ich am Zahn ab heute sicher keine Schmerzen mehr haben werde. In der Rezeption erfahre ich nachträglich, dass es sich um eine Wurzelbehandlung gehandelt hat. Ein weiterer Behandlungstermin sei notwendig. Ich verhandle mit der Empfangsdame den Preis, und lasse mir einen neuen Termin geben. Fazit: Privatpatienten bekommen in Brasilien nicht zwangsläufig eine bessere Behandlung.

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