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Viva statt Fifa – Die NZ-Kolumne

20. Januar 2015

Charles kann sich an einige, von den Gewerkschaften gescheiterten Arbeiterstreiks erinnern. Die Militärs reagierten nur in den Anfängen mit Gewalt. Später gingen sie gegen die Gewerkschaften mit Fußball vor. Wichtige Spiele wurden auf die Streiktermine verlegt, und alle blieben zuhause.


Charles heißt eigentlich Karl, und kommt aus Hamburg: „Ich nenne mich Charles, weil man meinen echten Namen hier kaum aussprechen kann“. Die meisten Brasilianer können zwar Karl richtig aussprechen, aber wer heißt denn gerne so. Wer sein Leben in einem anderen Land neu beginnt, der hat die Möglichkeit Altes hinter sich zu lassen, auch den Vornamen. Charles tat es.

Der heute 79-Jährige war viele Jahre Hochseefischer. Mit 40 ging er aus gesundheitlichen Gründen in Frührente. „Mit meinen Bezügen ließ es sich kaum in Deutschland leben, und es war die gute alte Hippiezeit.“ Seine Stationen waren Algerien, Marokko, Ibiza, und La Gomera. Dort lernte er ein argentinisches Ehepaar kennen, die in Europa ein Segelschiff gekauft hatten. Sie wollten es in ihre Heimat überführen. Charles kann segeln. Er erklärte sich dazu bereit, gegen Kost und Logis .

„Ich war damals ein Dickkopf. Auf Fernando de Noronha ging ich vor der brasilianischen Küste von Bord“, sagt er. Die Insel war damals Militärgebiet. „Als alter Hippie war mir nicht wohl dabei, bei einem General um Hilfe zu bitten. Aber irgendwie musste ich auf das Festland. Sie deklarierten mich humorvoll als Frachtgut, und flogen mich bis nach Recife. Im Nachhinein erfuhr ich, dass das Militär unerwünschte Personen in den gleichen Flugzeugen über den Dschungel abwarfen.“

Die deutsche Botschaft unterstützte Charles, bis seine Rentenangelegenheiten geklärt waren. Er lernte Luisa in Recife kennen, und begann zu malen. Aus dem Nordseefischer und Weltenbummler wurde nun ein Künstler, dessen Ausstellungen ihn durch ganz Südamerika führten. „Diese Wanderjahre mit Luisa waren die schönsten in meinem Leben.“

Heute leben Charles und Luisa auf Floripa. Er malt, wenn er nicht gerade dabei ist, seine Katze am Strand einzufangen. Seine Nachbarn hören ihn oft jammern, weil er sie nicht findet. Seine Bilder lässt er über eine Internetgalerie in den Vereinigten Staaten verkaufen.
Charles findet es gut, dass viele Brasilianer demonstrieren gehen. „In diesem Land muss sich noch viel verändern. Von den Krawallmachern hält er nichts. „In den Zeitungen heißt es, die jungen Studenten würden maskiert durch die Straßen ziehen und das Land in den Wahnsinn treiben. Ich bin Hippie genug um zu wissen, was wirklich geschieht. In den Gefängnissen sitzen die Mafiabosse Brasiliens, die die Lage für sich auszunutzen wissen. Wenn Demonstrationen anstehen, befehlen sie einem Teil ihrer Banden, Krawallen anzuzetteln. Während die Polizei damit beschäftigt ist, plündert der Rest der Bande. Die Strategie der Gewaltbereiten hat sich geändert. Statt Fußball gibt es heute Krawallen. Dem Militär wurden die Zähne gezogen, den Kriminellen nicht. Trotzdem geht es mit Brasilien heute aufwärts. Ich freue mich darüber, auch wenn es mir mit meiner kleinen Eurorente dabei immer schlechter ergeht.“

Die brasilianische Währung erfuhr in den letzten Jahren eine starke Aufwertung. Mit seiner deutschen Rente alleine kommt er nicht mehr über die Runden, erzählt Charles: „Seit neuestem will das deutsche Finanzamt meine kleine Rente besteuern. Es sollte ihnen doch reichen, dass ich nicht mehr in Deutschland lebe. Ich würde in Deutschland mehr Geld kosten, als das ich etwas einbringe. Stattdessen schreibt mir das Finanzamt ständig neue Zahlungsaufforderungen. Ich zahle erst, wenn sie hier persönlich erscheinen.“

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