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Viva statt Fifa – Die NZ-Kolumne

1. Juli 2015

Brasilien

Brasilien ist eine international operierende Geldmaschine. Einiges von diesem Geld wird für Imagekampagnen ausgegeben. Das nach außen getragene Bild von Brasilien lässt sich so zusammenfassen: Schöne Menschen, ein von Fußball besessenes Land, und Musik im Off-Beat. Beispielsweise wurden vor einiger Zeit die Rolling Stones in Rio de Janeiro eingeflogen. Fast zwei Million Menschen haben auf Rios Strandpromenaden auf Kosten der Stadtverwaltung ein Stones-Konzert erleben können. Das Event wurde im ganzen Land beworben, damit Touristen schon eine Wochen vor Beginn des Karnevals in die Stadt kommen.


„Samba ist nicht Rio. Samba ist nicht Bahia. Samba ist nicht die Straße. Samba ist nicht Afrika. Samba ist kein Rhythmus. Samba ist kein Karneval. Samba ist eine große Erfindung“: Die Musikgruppe Mundo Livre S/A. kritisiert mit einem ihrer Liedtexten die PR-Maschinerie Brasiliens, die Samba in aller Welt touristisch zu vermarkten versucht. Viele junge Menschen wünschen sich eine Politik, die nicht Geld für Events und Schönmalerei ausgibt, sondern für Infrastruktur und mehr Lebensqualität.
Die Erhöhung des Fahrpreises für öffentliche Verkehrsmittel in Sao-Paulo um umgerechnet 7 Cent, scheint das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben. Die Menschen gingen auf die Straße. Geht es bei den Demonstrationen tatsächlich um große gesellschaftliche Veränderungen oder doch nur um nicht weniger als 7 Cent?
Bruno M. ist Musikstudent und lebt in Sao-Paulo. Er holt uns im November bei unserer Ankunft aus Deutschland am Flughafen ab. Wir dürfen bei ihm ein paar Tage wohnen. Er erzählt auf der langen Fahrt zu seiner WG, dass er auf einige der Demonstrationen war. Er hat einen Maiskuchen dabei, wegen der langen Fahrt. Lang ist die Fahrt nicht wegen der Entfernung, sondern wegen den vielen Staus. Manche Menschen brauchen vier Stunden um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu kommen. Der Weg zur Arbeit nimmt einen großen Teil des Tages in Anspruch, für viele sogar bis zu acht Stunden pro Tag.

Zuerst gingen die Menschen wegen der Fahrkartenerhöhung auf die Straße, erklärt uns Bruno. Bald aber brachten sich Gruppierungen mit ein, denen die „7 Cent-Forderung“ zu wenig war. Sowohl Schulen als auch die medizinische Grundversorgung werden in Brasilien über Steuergelder finanziert. Warum sollten die öffentlichen Verkehrsmittel nicht ebenfalls kostenlos sein? Und weitere Forderungen wurden laut. Der Kampf gegen Korruption und Kriminalität bis hin zu ökologischen Themen standen nun auf Transparenten, und in den sozialen Netzwerken. Jeder ging für das, was ihm wichtig und richtig war, auf die Straße.

Bruno betreut neben seinem Studium gemeinsam mit seiner Freundin Anna Flüchtlinge aus dem Kongo. Beide kommen aus Familien mit hohem Bildungsniveau. Sie engagieren sich für eine sozialere Gesellschaft. Beide sind wie viele junge gebildete Menschen in Sao-Paulo Vegetarier. Die Ökobewegung in Brasilien formiert sich.
Einige Tage später gibt Bruno gemeinsam mit seiner Sambagruppe ein Konzert. Er lädt seine Freunde in einem kleinen Tanzsaal in Pinheiros ein, einem Stadtteil von Sao-Paulo. Erik ist auch da. Er kann einen Unterschied zwischen den Demonstrationen in Sao-Paulo und Rio de Janeiro feststellen. In Rio werden die Demonstrationen von der gesamten Bevölkerung mitgetragen. Einzelne Berufsgruppen rufen dort zu Protesten auf, mit klaren und konkreten Forderungen. Und jeder macht mit.

In Sao-Paulo werden die Demonstrationen mehr oder weniger von der Mittelschicht organisiert und durchgeführt. Es ist sozusagen ein Milieu-Phänomen mit einem nicht endenden Forderungskatalog. Erik bemängelt, dass viele Studenten die Demonstrationen als Spaßfaktor ausnutzen. Auch in den nächsten Monaten wird jeder eine Straße in Sao-Paulo aus „politischen Gründen“ blockieren können, mit Bier und einer Musikanlage im Handgepäck. Man trifft sich eben nicht mehr in der Bar oder vor der Bar, sondern auf der Straße vor der Bar.

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