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Viva statt Fifa – die NZ-Kolumne

1. Juni 2015

Schwester Sonja (70) und Schwester Clara (68) leben im Franziskanerorden „do Aposolado Paroquial“. Sie leben und arbeiten in einem Begegnungszentrum in Lages. Die Nonnen helfen Menschen in Not, und bieten Reisenden eine günstige Unterkunft. Viele übernachten im Begegnungshaus, um sich im nahegelegenen Privatkrankenhaus ambulant behandeln zu lassen.

Schwester Clara ist Krankenpflegerin. Sie hat im Laufe ihres Lebens in vielen Krankenhäusern gearbeitet. Zuletzt war sie in Sao-Paulo tätig. Da es dem Orden an Nachwuchs mangelt, musste das dortige Haus geschlossen werden. Die Stadtteilbewohner wünschten sich aber, dass der Orden sie weiterhin unterstützt. So fährt sie von Lages einmal im Monat in die „große Stadt“, wie sie sagt. Sie behandelt die Menschen mit homöoapathischen Ölen und Naturheilmitteln. Die Franziskaner in Lages wissen um die Lebenssituation der Ärmsten.

In Brasilien ist Realität, was im deutschen Gesundheitswesen auch zukünftig vermieden werden soll: eine Zwei-Klassen-Medizin. Die Kommunen zahlen keine Versicherungsbeiträge für diejenigen, die es sich nicht leisten können. Sie sind aber gesetzlich dazu verpflichtet, kostenlose medizinische Zentren zu unterhalten. Die Befürworter sagen, der Staat garantiert jedem Brasilianer eine medizinische Grundversorgung. Kritiker meinen, selbst in den Krankenhäusern sind die Armen unter sich.

„Wer in einem städtischen Krankenhaus behandelt wird, darf nur ein Leid vorbringen. Für mehr ist keine Zeit. Der Patient kann allerdings entscheiden, welches seiner Leiden er ansprechen will. Immerhin leben wir ja jetzt in einer Demokratie“, witzelt Schwester Clara.

„Ein städtisches Krankenhaus kann zwischen zwei Strategien wählen. Schlechte Arbeit führt zu angenehm leeren Gängen. Dafür ist die Krankenhausleitung im Kreuzfeuer der Medien. Ein gut geführtes Krankenhaus wird zwar von Journalisten in Ruhe gelassen, zieht aber dafür überdurchschnittlich viele Patienten an. Mehrkosten bei gedeckelter Finanzierung, unbezahlte Überstunden und lange Warteschlangen sind die Folge“ sagt Schwester Sonja.

Viele Brasilianer meiden, wenn möglich, die staatlichen Gesundheitszentren, oder gehen einen Mittelweg wie Rosana. Die 38-Jährige ist im Begegnungshaus mit ihren drei Kindern und ihrem Mann zu Gast. Bei einer Grippe nimmt sie die Hilfe in den staatlichen Gesundheitszentren gerne in Anspruch. In solchen Fällen wird man zügig und problemlos behandelt. Wenn sie aber einen Facharzt benötigt, bezahlt sie ihn selbst. „Für Röntgenaufnahmen braucht ein staatliches Gesundheitszentrum bis zu sechs Monate. Für spezielle Untersuchungen wartet der Patient bis zu einem Jahr“, sagt sie. Daher hat sie eine private Zusatzversicherung abgeschlossen.

Schwester Clara hält viel vom Personal in den staatlichen Gesundheitszentren. Sie leisten viel und haben eine gute Ausbildung. Man sollte auch nicht alle über einen Kamm scheren. Die Nonne räumt allerdings ein, dass man als Beamter eine gute Portion Idealismus mitbringen muss. Das Personal in den Gesundheitsressorts verwaltet nämlich Krankenhäuser, in denen sie sich selbst nicht behandeln lassen. Das größte Übel ist aber die Korruption. Das Geld kommt in vielen Krankenhäusern nicht an, sondern versichert in dunklen Kanälen. „Die WM ist nicht schuld an unserer Gesundheits- und Bildungskrise. Brasilien ist eines der reichsten Länder dieser Welt. Die Korruption ist ein Armutszeugnis unserer Zivilgesellschaft.“

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