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Verführung trotzen – NN

15. April 2011

acht-acht

GRÄFENBERG  – Man nimmt es Jean-Francois Drozak ab, dass es ihm absolut ernst ist, wenn er alles daran setzt Jugendlichen und deren Eltern, und einem noch größeren Personenkreis beklemmend vor Augen zu führen, wie leicht es ist, gerade Heranwachsende zu verführen. Trotzdem tut er es spielerisch.


In der jüngsten Zeit legten Organisationen wie die „Freie Deutsche Jugend“(FDJ) ein beredtes Zeugnis davon ab, gerade Jugendliche in ihrer pubertären Phase für obskure Ideen zu begeistern, um sie später zu willigen Parteisoldaten zu machen. Drozak geht es in seinem Theaterstück um die subversive Form, wie Rechtsradikale heute Jugendarbeit betreiben. Der Anblick von Bomberjacken und mit weißen Schnürbändern geschnürte Stiefel Tragender ist einem ganz anderen Erscheinungsbild gewichen. Auf den Schulhöfen werden kostenlose CDs verteilt, mit fetziger Musik und tollen Sprüchen, man wird zu zwanglosen Gruppenabenden mit Disco-Feeling eingeladen. Es gibt Freibier und so kommt man sich ganz locker näher. Erst bei genauerem Hinsehen wird die infame Taktik sichtbar und man kann das rechtsradikale Gedankengut erkennen.

Von Pfarrer inspiriert
Jean-Francois Drozak betreibt in Nürnberg die Agentur für Kulturdesign „Kunstdünger“ und hat das Drehbuch für das Stück „Acht, Acht“ selbst geschrieben. Die Idee für das Drehbuch kam ihm, als er die Geschichte des katholischen Pfarrers Ulrich Boom aus Miltenberg hörte, der im Juli 2006 anlässlich einer Veranstaltung Rechtsextremer auf dem Marktplatz alle Kirchenglocken läutete und so die Hasstiraden übertönte. Schon im Oktober 2008 war Drozak in Gräfenberg mit diesem Stück zu Gast, damals war es der Auftakt für ein Projekt an der staatlichen Realschule, die in einer Veranstaltungsreihe sich den Zusatz „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ gab.

Acht, Acht“ steht für den achten Buchstaben im Alphabet, dem „H“. Die Verdoppelung symbolisiert den ehemaligen Hitlergruß. Beim letzten Mal waren ausschließlich Jungen auf der Bühne zu sehen. Diesmal, beim Casting in der neunten Klasse der Realschule, fehlte außer einem den meisten von ihnen der Mut für einen solchen Auftritt vor ihren Schulkollegen und Kolleginnen. Mehr Glück hatte Drozak bei den Mädchen, da fanden sich sieben Darstellerinnen.

Kafkaeske Züge
Auf dem Podium stehen drei verbeulte Mülltonnen auf denen „Tänzeln“, „Verteidigung“ und „Angriff“ steht. Nacheinander werden die Akteurinnen in das zunächst unverbindliche Geschehen eingeführt das jedoch bald kafkaeske Züge anzunehmen scheint. Mit Gratis-CDs erfolgen erste Annäherungen, Eintrittskarten für ein Fußballspiel und kostenlosem Bier, der Besuch eines Box-Vereins mit einer knallharten Trainerin und der Infiltration von rechtsradikalem Gedankengut, so werden neue Anhänger angeworben.

Emotionale Auseinandersetzung steht im Vordergrund des Spiels, das die Schülerinnen sehr überzeugend über die Rampe bringen. Durch absolut glaubhaftes Engagement und Intuition entsteht so eine Aufführung von großer Transparenz, aber auch von Dichte und Authentizität. Wenn auch zur abendlichen Aufführung sich nur wenige Zuschauer eingefunden hatten, das Stück jedoch eigens tagsüber während der regulären Schulzeit etwa 600 Schülerinnen und Schüler der beiden Schulen – Mittelschule Gräfenberg und staatliche Realschule – sehen werden, bietet es sicher für diese Zielgruppe durch die besondere Form der Darbietung die Möglichkeit, sich den Themen Demokratie und Toleranz auf ganz eigene Weise anzunähern und sich damit zu identifizieren. Das Stück endet mit einem dreiminütigem Glockengeläut und danach dauerte es unendlich lange bis die Zuschauer sich aus dem Bann befreien konnten und der erste zaghafte Applaus zu hören war, der sich jedoch sehr schnell steigerte.

So gelang eigentlich, was Drozak beabsichtigt hatte, ein Nachdenken über die Möglichkeiten, sich vor solchen Einflüssen zu schützen. Eine kurze Diskussion mit den Darstellerinnen und dem mutigen Darsteller und dem Regisseur gab einige Aufschlüsse und Hinweise und zeigte beispielhaft das Gefahrenpotential auf, das durch den Rechtsextremismus entsteht für die Gesellschaft und die Jugendlichen im Besonderen.

Rol Riedel

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