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Verfall der rechten Fratze – Frankenpost

14. März 2011

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Verfall der rechten Fratzen – Von Christoph Plass

Jugendliche können schnell in rechtsradikale Kreise geraten – das ist die Botschaft eines Theaterstücks in der Feilitzscher Volksschule. Während “acht.acht.” schleicht Beklemmung in den vollen Zuschauerraum.

Feilitzsch – Die Sätze, die hier fallen, sind so widerwärtig, dass sich die Jugendlichen überwinden müssen: Das “Judenpack” beplärren sie mit verzerrten Gesichtern, das “Neger zusammenschlagen” propagieren sie als Zeitvertreib, das “Knacken von Kanaken-Knochen” skandieren sie als gleichgeschalteter Chor. Sie müssen das tun, die Acht- und Neuntklässler der Volksschule Bayerisches Vogtland: Sie sind die Schauspieler in den Scheinwerfern der Verwerflichkeit, die Protagonisten einer grausig-ungemütlichen Geschichte, die Akteure in einem schwermütigen Spiel, in der die Macht die Menschlichkeit verdrängt. “acht.acht.” heißt das Stück, das am Donnerstagabend für Beklemmung und Betroffenheit sorgt in der brechend vollen Schulturnhalle. Ganz plastisch erzählt es, wie schnell sich Jugendliche in den Netzen von Neonazis verfangen können.

Franz ist ein guter Freund von Paul. “Mit richtigen Freunden kann man sich gut langweilen”, sagt Paul. “Mit Franz habe ich mich schon oft gelangweilt.” Die Gefahr darin: “Wer sich langweilt, stellt wirklich alles in Frage.” Da stößt Abwechslung auf offene Ohren, ganz gleich, welcher Art sie ist. Und diese hier weckt gar Neugier, Spannung, Wohlgefühl zunächst: Zuerst gibt’s eine Musik-CD geschenkt, mit 13 tollen Tracks. Kostenlos ist auch der Kontakt zu den Machern im Hintergrund – die laden die Jungs zu Bier und Party ins Fußballstadion und zu Tanz und Gruppentreff.

Deckung, Tänzeln, Angriff, das sind die Dinge, die hier gelehrt werden – im Boxring zunächst, im echten Leben gleich danach. Und wer nicht hart genug hinhaut, dem schlagen Spott und Häme ins Gesicht: “Das nennst du Angriff?”

Franz gefällt’s, er ordnet sich gern unter. Und: Wer den Kameraden beim Umzug hilft, für den fließt Freibier flaschenweise. Paul aber will da raus; er bleibt erst seinem Freund zuliebe, kehrt der Gruppe aber letztlich schnell den Rücken. Er ist der einzige, der dem Publikum in die Augen sehen kann, als er zum Schluss die Bühne verlässt. Die anderen staken wie die Zombies umher, die Gesichter zu ausdruckslosen Fratzen vereist, die Glieder steif und stur und starr. Die Tanz-Party unter Kumpels ist dem Gleichschritt zum Dröhnen der rechten Hymnen gewichen.

acht.acht” verstört und berührt, eine gute halbe Stunde lang. Das Stück – das am Freitag vor den Schülern eine Wiederholung fand – ist Höhepunkt einer Projektwoche gegen Rassismus. Finanziert hat es das Jugendamt des Landkreises Hof, dreieinhalb Tage lang hat ein Theaterpädagoge Sprache, Schauspiel und Stimmung mit den Schülern einstudiert. Nach dem Akt herrscht lange Ruhe – auf sie folgt aufbrausender Applaus. Schlussendlich noch stellen sich die Schauspieler den neugierigen Fragen der Zuhörer. Ob die Rollen schwer zu verkörpern waren, wollen sie zum Beispiel wissen. Ja, heißt die Antwort: Zu manchem mussten sich die Schüler überwinden.

Billige Hetze”?
Da hatte jemand Muffensausen: Am Freitagfrüh haben viele Feilitzscher ein Schreiben in ihrem Briefkasten gefunden. Unbekannte hatten die Flugblätter in der Nacht heimlich verteilt. “Schmierenkomödie an Feilitzscher Hauptschule!” steht über einem Text, der das Stück “acht.acht.” kritisiert. Als “billige Hetze” wird das Theaterstück darin bezeichnet und als “nicht einmal ansatzweise der Wirklichkeit” entsprechend – die mitwirkenden Schüler würden “irgendwann nicht ausbildungsfähig sein”. “Das Schreiben ist ein Standardtext, der auch schon in anderen Städten aufgetaucht ist, in denen das Stück aufgeführt wurde”, wissen die Experten in Feilitzsch. Unterzeichnet hat das Flugblatt ein “guter Bekannter” des Staatsschutzes: Winfried Breu, NPD-Aktivist aus Bad Staffelstein.

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