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Über Freibier zu den Nazis – FT

20. September 2017

achtSie möchten ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus setzen, doch so ganz ohne ist dies nicht: Realschüler spielen Theater mit Sicherheitsvorkehrungen.

Coburg – „Deckung!“ „Tänzeln!“ „Angriff!“, die Kommandos hallen in beißend scharfem Ton über die Bühne. Ein Junge steht da. Erschöpft. Verschwitzt. In Turnschuhen und Boxhandschuhen. Vor ihm ein Boxsack, „ein Neger, der nach einer langen Hetzjagd erschöpft zusammenbricht, dem man den Gnadenstoß versetzt.“ Brutal und entsetzlich klingen die Worte des „Trainers“. Es ist ein Theaterstück, das in der Aula der Staatlichen Realschule Co I aufgeführt wird und doch bittere Realität. „Eigentlich haben es die Rechten geschrieben“, erläutert Autor und Regisseur Jean-François Drozak, „ich habe es nur zusammengefasst.“

Studierende der Nürnberger Ohm-Hochschule waren unterwegs und haben sich mit Anhängern der rechten Szene unterhalten, sie nach ihren Mitteln und Wegen gefragt, wie sie an Jugendliche herankommen, um diese von ihrem widerlichen Gedankengut zu überzeugen und „Nachwuchs zu generieren“.


Entstanden ist daraus das Projekt mit dem Titel 8.8., die Zahlen stehen bekannterweise als Symbol für den

Gruß „Heil Hitler“, abgeleitet vom achten Buchstaben des Alphabets, dem „H“. Vor ein paar Jahren wurde es bereits einmal in Coburg am Gymnasium Ernestinum aufgeführt, „da war es heftig“, erinnert sich Drozak, „die NPD hatte Wind davon bekommen und Flyer über das Stück verteilt.“
Er selbst habe Drohbriefe erhalten und zerstochene Autoreifen vorgefunden. Aus dieser Erfahrung heraus möchte er die Schüler schützen. Die acht Neuntklässler durften sich freiwillig für das Projekt melden, zum Casting kamen zwei Mitarbeiter von Drozaks Nürnberger Agentur nach Coburg, um die jugendlichen Schauspieler auszuwählen. Diese möchten weder namentlich genannt noch soll ihr Gesicht in der Öffentlichkeit gezeigt werden. Für das Foto halten sie sich den Arm vors Gesicht, bei den beiden Aufführungen an der Co 1 ist Polizei anwesend. Die Schüler möchten jedoch ein Zeichen setzen. Ein mitspielender Neuntklässler, dessen Mutter Türkin ist, hat selbst schon negative Erfahrungen mit Rechtsradikalen gemacht, doch: „Alleine war es schwer, etwas dagegen zu tun. Sie waren in der Gruppe unterwegs.“ Durch das Projekt sind ihm die Nazi-Methoden

bewusster geworden: „Die gehen zum Beispiel in Fußballstadien ganz gezielt an die Jugendlichen ran, spendieren ihnen die Tickets und Bier und ziehen sie so in ihre Kreise.“ Freibier bekommt Franz im Theaterstück auch. Zu Beginn zögert er noch, ahnt, dass da etwas nicht so ganz passt, wenn „Kanak, Knochen, kracht“ lautstark skandiert wird und spürt die Abneigung seines Freundes Paul gegen seine neuen Kumpels, doch es ist schwer, mehreren Menschen wieder zu entrinnen. Sie sind nicht nur cool, sondern den Freunden und „wahren Menschen“ gegenüber auch hilfsbereit, machen Party, spendieren Bier, aber wehe, man zieht nicht mit. Paul, Pfadfinder und Junge, der sich Gedanken macht, möchte nicht dabei sein, doch Franz gerät in den fürchterlichen Sog….
Es ist brutal, was verbal und körperlich auf der Bühne abgeht, es wird gebrüllt, geschubst, geschlagen und Unsägliches propagiert, aber die Schüler werden nicht alleine gelassen oder ins kalte Wasser gestoßen. „Herr Drozak macht es gut“, erklärt eine Nachwuchs-Akteurin, „er gibt nicht nur Regieanweisungen, sondern auch zahlreiche Hintergrundinformationen.“ So verlangt der Regisseur beispielsweise nicht nur immer „stramm stehen“ und „Haltung“, sondern erklärt gleichzeitig: „Wer in der Nazi-Zeit nicht gerade stand oder nicht richtig grüßte, wurde niedergeschlagen. Dafür gab es unter Hitler speziell ausgebildete Korps.“ Für die Nachbereitung im Unterricht hat der in Nürnberg lebende und arbeitende Künstler mit Carolin Auner und der Unterstützung des BDKJ-Diözesanverbandes Bamberg ein Begleitheft verfasst. Darin befinden sich nicht nur Begriffserklärungen der Wörter, die in der rechten Szene verwendet werden, sondern´auch diverse Übungen. So gilt es beispielsweise beim „Rechtsextremismus-Kompass“ verschiedene Aussagen zu reflektieren und zu diskutieren: Wo beginnt Fremdenfeindlichkeit und Rassismus?

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