& Allgemeines
Tote Symbolik

20. Juni 2011

hande

Eine tiefenpsychologische Analyse von Reinhard Kruska über die Ursachen von Demokratieverdrossenheit.

Zwei Themen beherrschten die öffentlichen Debatten der letzten Wochen. Das eine war die Katastrophe in Japan, das andere das der »demokratischen Revolutionen« in der arabischen Welt. Eine Erklärung der Virulenz beider Themen liefert eine wissenschaftliche Disziplin, die in den üblichen politischen Diskursen kaum eine Rolle spielt, nämlich die Tiefenpsychologie. Ihre Erkenntnisse können wertvolle Hinweise auf gesellschaftliche Prozesse liefern und so historische und soziologische Ansätze entscheidend ergänzen. Der Schlüssel liegt in der Bedeutung des Symbols und der Symbolik für unser aller Denken und Handeln.


Die Tiefenpsychologie geht davon aus, dass uns nur der kleinere Teil unserer Erfahrungen, Wahrnehmungen und Wünsche bewusst zur Verfügung steht. »Unter« unserem Bewusstsein aber liegt eine ganze Schicht unbewussten Materials, das unser Bewusstsein erheblich prägt. Alles, was uns antreibt, ist grundsätzlich unbewusst und muss erst ins Bewusstsein »gehoben« werden. Die Erkenntnis, somit nicht einmal souveräner Herr seines eigenen »Oberstübchens« zu sein, hat Sigmund Freud als die dritte große Kränkung der Menschheit bezeichnet – nach der kopernikanischen Wende und der Evolutionstheorie. Und diese Vorstellung ist in der Tat kränkend, kratzt sie doch an der zutiefst menschlichen Größenvorstellung von der Freiheit des eigenen Willens. Nur sind uns unbequeme Vorstellungen deswegen ja nicht weniger wahr.


Dass unsere psychischen Wünsche und Vorstellungen bei unseren körperlichen Bedürfnissen und Sensationen beginnen, ist eine basale Vorstellung der Tiefenpsychologie. Dass sie dort zwar beginnen, aber mitnichten enden, ist eine weitere. Von daher kommt, wie Brecht es so rotzig formulierte, das Fressen zwar vor der Moral, die Moral aber nicht automatisch hinterher. Das Symbol ist nun ein zentraler Begriff der Tiefenpsychologie in der Frage, wie sich unsere unbewussten Motive, Wünsche und Vorstellungen in bewusste umsetzen. Hier sei besonders auf Carl Gustav Jung verwiesen. Jung betrachtete das Symbol aus seiner deutschen Bedeutung Sinnbild heraus und formulierte dessen Doppelnatur. Als Sinn sei es der rationalen, bewussten Sphäre zuzuordnen, als vorsprachliches Bild aber der irrationalen, unbewussten. Und gerade diese Doppelnatur, seine über das Bewusste hinaus gehende Kraft mache es zum idealen Mittler zwischen beiden Sphären.

Jungs Schüler Erich Neumann untersuchte in seiner »Ursprungsgeschichte des Bewußtseins« nicht zuletzt die Bedeutung des Symbols für die soziokulturelle Organisation der Menschheit. Demnach traten und treten immer Symbole als sinnstiftende Zeichen menschlicher Gemeinschaften auf. Sinnstiftend meint aber mitnichten moralisch gut. Für welch fürchterliche Bedeutung einzelne Symbole stehen können, zeigt das Hakenkreuz des Nationalsozialismus. Dass es in Deutschland verboten ist, hat Gründe. Denn ein Symbol steht niemals nur für eine Sache allein. Im Fall der Nationalsozialisten etwa wurde propagandistisch alles Mögliche darum zentriert – und mit den Gräueltaten pervertiert. Vaterland, Muttersprache, gemeinsame Identität gerieten darum in den Sumpf von Nationalismus und sozialdarwinistischem Überlegenheitswahn. Die mangelhafte Aufarbeitung des Geschehens und die fehlende Entnazifizierung auch gerade der Begriffe und der mit ihnen assoziierten Gefühle tat ein Übriges. Das große Schweigen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand sein Zerrbild in den kleinen Redeverboten der heutigen Political Correctness.

Sinnstiftende Symbole sind aber unverzichtbar für soziale Gemeinschaften, und so wurden neue gefunden. In Westdeutschland wurde insbesondere der Demokratie-Begriff symbolisch aufgeladen und zum identitätsstiftenden Selbst-Bild der Nachkriegsgesellschaft. Alte Sinnzusammenhänge nunmehr verdrängter Symbole wurden unbewusst hierher umgeleitet und mit den neuen Lebenswirklichkeiten synthetisiert. Der Kalte Krieg als Wettbewerb der Systeme zwang die Bundesrepublik zur Orientierung nach Westen. Dabei war der Aspekt der Abgrenzung schon angesichts der deutschen Teilung eben so wichtig wie der der Vereinigung. Tiefenpsychologie denkt dialektisch. Wer ganz mit der Demokratie westlicher Prägung identifiziert ist, muss andersgeartete Gesellschaftsformen als fremd verwerfen. Angesichts des drohenden Atomkriegs meinte diese Positionierung eine Frage von Leben und Tod.

Die Geschehnisse in Japan – insbesondere die atomare Katastrophe – beschäftigen uns auch deshalb so stark, weil sie uns auf diese Zeit zurückwerfen. Fukushima weist auf Hiroshima, das atomare Grauen. Und auf Tschernobyl, den Unfall als Fanal des Weltuntergangs, wenn der kalte zum heißen, alles verschlingenden Krieg eskaliert wäre. Die Bewohner beider deutschen Frontstaaten im Einflussbereich der atomaren Wolke erinnern sich gut.

Das Loch, das der tabuisierte Nationalsozialismus hinterlassen hatte, wurde symbolisch auch noch anderweitig gefüllt. Der Gewinn der drei Fußballweltmeisterschaften 1954, 1974 und 1990 ist diesbezüglich kaum zu überschätzen und der symbolisch geladene Titel »Weltmeister« deswegen in Deutschland so stark besetzt. Die letzte WM im eigenen Land brachte trotz sportlichen Misserfolgs die schwarz-rot-goldenen Fahnen massenweise auf die Straßen zurück. Doch da hatten das Ende des Kalten Kriegs und die Wiedervereinigung schon eine neue Qualität gebracht. Man hatte im Westen auf der richtigen Seite gestanden. Ökonomische Überlegenheit wurde jetzt ganz offen mit moralischer Überlegenheit verknüpft. Der Sieg des Kapitalismus war auch der Siegeszug der Demokratie als dem neuen Symbol für das einzig Richtige. Die zunehmende Schieflage, die eigene Identität über Besitz und die staatliche Ökonomie zu definieren, wurde nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern sogar forciert. Nichts zeigt das besser als der Begriff des »Exportweltmeisters«. Diese sonst hohle Phrase erklärt sich überhaupt erst aus dem Versuch, unbewusste sinnstiftende Bedeutungen ökonomisch einzugemeinden.

Dabei wäre es dringend notwendig, sich der Demokratie als Symbol vertieft zuzuwenden. Neben ihrer Begriffsbedeutung »Volksherrschaft« ist sie assoziativ vielfach verknüpft, wie etwa mit den Idealen der Französischen Revolution und den Menschenrechten. So darf, wenn die Kanzlerin nach China reist, ein undemokratisches Land, das uns zudem die Exportweltmeisterschaft geraubt hat, der Verweis auf die Menschenrechte nicht fehlen, der zumindest unsere moralische Überlegenheit beweist. Gerade das Beispiel China aber verursacht uns böse Bauchschmerzen, weil es das Mantra von der moralisch-ökonomischen Überlegenheit ad absurdum führt.

Aus tiefenpsychologischer Sicht werden menschliche Gemeinschaften eben nicht durch Wirtschaftsverbünde oder abstrakt-normative Regeln wie Gesetze geschaffen, sondern höchstens austariert. Gemeinschaften entstehen durch gegenseitige Bindungen und Identifikationen. Hier macht es durchaus Sinn, sich die Ideale der Französischen Revolution diesbezüglich noch einmal anzusehen. Gleichheit setzt dann voraus, sich im Anderen wiedererkennen zu können. Brüderlichkeit verlangt Liebe im weiten Sinne des Wortes. Und Freiheit ist der Kompromiss aus der Selbstbefriedigung und ihren Grenzen, die eigene Freiheit und die des Anderen. So kommen die drei Begriffe untrennbar zusammen: Ich bin so frei zu tun, was ich will, wie es die Bedürfnisse des Anderen ebenfalls gewährleistet. Dies gewähre ich ihm, weil ich mich ihm gleich fühle und ihn (brüderlich) liebe – und er genau so denkt und handelt. Sofern eine Gesellschaft diese Prinzipien umzusetzen vermag, ist sie in der Tat eine »gute« Form menschlichen Zusammenlebens.

In unserer real existierenden Demokratie verdichtet sich aber seit langem der Verdacht, dass Gleichheit und Brüderlichkeit zugunsten einer egoistisch verzerrten, asozialen Freiheit in den Hintergrund treten. Freiheit als Eckpfeiler der Gemeinschaft wird durch Konsum- und Unternehmensfreiheit als Pfeiler der »Volkswirtschaft« ersetzt. Wie oben gezeigt, wird sogar die Symbolik dementsprechend angepasst. Der ökonomisch Erfolglose aber wird ausgesondert und aus der Gemeinschaft gedrängt. So verliert die Demokratie ihren Charakter als Gesellschaft stiftendes Selbst-Bild und taugt nur noch zum Begriff, zum Kampfbegriff. Zur Parole, die der politische und journalistische Mainstream gegen Rivalen und Abweichler ins Feld führt.  Die Früchte dieser Entwicklung zeigen sich nicht nur in scheinbar spontan entstehenden Protestbewegungen und dem Ruf nach Volksabstimmungen, sondern auch bei den Wahlen. In Sachsen-Anhalt verweigerte sich gerade jeder Zweite diesem elementaren demokratischen Prinzip. Ohne Identifizierung keine Beteiligung. Das Regime in Magdeburg wurde von gerade einem Viertel der Menschen legitimiert.

C. G. Jung nannte jedes Symbol, das seine sinnstiftende, vermittelnde Bedeutung und Funktion verloren hat, ein totes Symbol. Tote Symbole aber sind nutzlos und werden irgendwann ersetzt. Daher scheint es dringend an der Zeit, Sinnentleertem wieder Sinn zu geben. Demokratie als Selbst-Bild beginnt bei jedem Menschen und muss jeden mitnehmen. Freiheit ist nicht die Befreiung von Ölquellen. Gleichheit ist mehr als Gleichheit vor dem Gesetz. Brüderlichkeit ist der Gegensatz von Egoismus. Gesellschaftliche Teilhabe ist Menschenrecht.

Reinhard Kruska, Jg. 1975, ist studierter Germanist, Psychologe und Publizist. Er arbeitet als freier Berater und Publizist in Berlin.

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