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Selbstbestimmt bis zuletzt – FT Klartext

4. Mai 2016

DSC_8712Bamberger Schüler haben recherchiert, wie man sein Leben möglichst lange frei gestalten kann. Dabei stießen sie auf verblüffende Ideen.

Bamberg—Wenn man jugendlich ist, wird man bevormundet: Die Eltern sagen dir, was du nicht machen sollst. Ob das auch wieder so sein wird, wenn wir mal ins hohe Alter kommen? Bestimmt dann eine freundliche Pflegerin, was wir essen und wann wir es essen? Wann wir abends ins Bett müssen? Wir sind acht Jugendliche der Graf-Stauffenberg-Realschule und des Eichendorff-Gymnasiums aus Bamberg und haben zwar noch viel Zeit, bis wir die Antworten auf diese Fragen am eigenen Leib erfahren werden, aber wir wollen schon heute wissen, wie man sein Leben so lange wie möglich nach seinen eigenen Wünschen gestalten kann. Dazu haben wir uns vor Ort im Seniorenheim „Wilhelm Löhe“ der Diakonie Bamberg Forchheim umgeschaut. Und wir waren erstaunt, wie viele Entscheidungen die Bewohner hier selbst treffen – und auch selbst treffen sollen!


„Wir begleiten die Menschen nach ihren Bedürfnissen und nach ihrem Willen – nicht nach unserem“, erklärt uns Petra Himmelein. Das bedeutet, die Pflegefachfrau unterstützt die Bewohner dabei, Dinge selbst zu tun: Sich ein Brot zu schmieren, den Lieblingspullover anzuziehen. Pflege wird teurer Und wir waren überrascht, wie viele Freiheiten die Menschen haben: „Wenn Frau Müller gerne ein Gläschen Sekt trinken möchte, dann bekommt sie es.“ Vorurteile wie „Altenpfleger putzen nur Hintern ab“ machen die 56-Jährige traurig: „Jeder Mensch, der zu uns kommt, ist eine eigene Persönlichkeit. Da kann man als junger Mensch viel mitnehmen für sein eigenes Leben.“ Natürlich ist Zeit auch Geld – gerade in der Pflege, erklärt uns Jochen Misof.  Als Leiter des Forchheimer Seniorenzentrums „Jörg Creutzer“ macht er sich dafür stark, dass die Pfleger sich Zeit für die Bewohner nehmen können: „Indem sie Prioritäten setzen und zum Beispiel nicht ausführlich dokumentieren, dass jemand gut geschlafen hat, sondern nur dann, wenn das nicht derFall war.“

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU)stimmt ihm zu. Von ihr wollen wir wissen, ob noch Geld da ist, wenn wir mal alt sind? Also so in 70 Jahren? „Wir haben im Koalitionsvertrag eine Erhöhung der Pflegeversicherung beschlossen. Wir müssen dem Einzelnen mehr abverlangen, weil die Pflege ein Bereich ist, der immer größer wird, die Menschen werden älter.“

Die Versorgung ist aber nur ein Grund dafür, dass Menschen in ein Heim ziehen, viele wollen einfach nicht länger alleine leben. Spannend wird es, wenn verschiedene Generationen zusammenleben. Zum Beispiel im Bamberger Mehrgenerationenhaus „Villa Kunigunde“: „Das ist ein Haus mit mehreren Wohnungen und offenen Türen–weitestgehend“, erklärt Renate Rupprecht, die Initiatorin des Projekts. „Wir sind keine WG“, stellt die 70-Jährige klar. „Jeder kennt jeden. Wenn jemand Hilfe braucht – das kann auch eine Umarmung sein – dann bekommt er sie.“ Das Mehrgenerationenhaus war früher mal ein Altenheim. „Wir sind keines! Wir unterstützen uns, aber wir pflegen uns nicht.“ „Schließt euch zusammen!“ Einmal im Monat treffen sich die 14 Bewohner (im Sommer kommt der 15. auf die Welt) und besprechen, was ansteht und was von der Gemeinschaft erledigt werden muss. „Einbringen muss sich hier jeder“, erklärt Rupprecht. Es macht sie nachdenklich, dass Gemeinschaftlichkeit irgendwie immer seltener wird.

„Manchmal frage ich mich: Muss man erst stinken, damit die Nachbarn merken, dass etwas nicht stimmt?!“ Sie hat einen tollen Tipp: „Schließt euch mit euren Nachbarn zusammen, unterstützt euch gegenseitig!“ Und wie lebt man selbstbestimmt bis zum Ende? Pflegefachfrau Petra Himmelein rät: „Schließt eine Patientenverfügung ab, so entscheidet ihr bis zuletzt, was mit euch passiert.“ Jochen Misof lehnt aktive Sterbehilfe zwar ab, „aber wenn jemand, der sein Leben gelebt hat, keine Nahrung mehr zu sich nimmt, weil er sterben möchte, dann ist das sein Wille.“

VON FURKAN BELGÜZAR, ANNA DRESEN, JONAS BIENIEK, ALICIA SEITZ, TIM GESSNER, VANESSA LAMM, MARCEL ECKERT, BURCUNER GIZ

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