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Schockierendes Stück FN – 24.10

16. Dezember 2014

stralsund

Wie Rechtsradikale versuchen Jugendliche für sich zu gewinnen, damit haben sich Achtklässler der Fürther Mittelschule Soldnerstrasse beschäftigt und die ergreifende Aufführung „Acht.Acht“ eingeübt. Die Premiere ist heute Abend in der Halle von Elan.

Fürth – Auf der Bühne geht es zunächst recht lustig zu. Die Jungs und Mädels lachen herzhaft über einen Witz, ihre Zahnspangen blitzen dabei um die Wette. Bis die Stimme des Regisseurs  ertönt: „Drei, zwei, eins und los.“ Sofort versteinern die Mienen der Schüler, sie schlüpfen in ihre Rollen.

Da ist Franz. Er beschäftigt sich gerne mit Ballerspielen am Computer und hat nur einen Freund: Paul. Die beiden kommen in der Unterrichtspause mit einer jungen Frau aus der Rechtsradikalen Szene in Kontakt. Danach geht alles ganz schnell. Durch sie lernen die beiden viele neue Freunde kennen , werden zu einen Fußballspiel und Bier eingeladen – haben Spaß. Dieser endet als sie in einer merkwürdigen Hinterhofkneipe landen. Die Gäste dort zeigen ständig den verbotenen Hitlergruß. Paul reicht es schließlich, er haut ab. Franz hingegen bleibt, er fühlt sich wohl…

Das Stück verlangt viel von den im Schnitt 13 Jahre alten Mittelschülern . Acht Jugendliche spielen mit, sechs von ihnen müssen Neonazis geben, mit allem was dazu gehört: Fluchen, Treten, Schubsen, Szenen-Beispiel: ein Boxclub. Hauptfigur Franz soll diesen Kampfsort lernen „Tänzeln-Decklung-Angriff“ schreit der rechte „Trainer“ dem Jungen immer wieder zu, doch Franz ist einfach nicht schnell genug. Völlig genervt schmeißt der „Trainer“ den Sack; auf den Boden, donnert  etwas wie „ stell dir vor, er wäre ein scheiß Ausländer“ und tritt darauf ein. Die beiden Jugendlichen müssen die Szene immer und immer wieder durchspielen, so lange bis einem das Blut in den Adern gefriert.

„Etwas zu extrem“
Michael (alle Namen der Schüler geändert) spielt sehr überzeugend die männliche Hauptrolle Franz. Sofie mimt den Gegenpart, ein Mädchen aus der Szene. Sie wirken beide souverän, fast professionell, trotzdem . Ist das Theaterstück nicht zu viel für Achtlklässer? „Für mich ist es etwas zu extrem“, sagt Michael, er schäme sich manchmal für die Rolle, die er verkörpert. Seine Mitschülerin Sofie ist es nicht gewöhnt „solche Ausdrücke zu benutzen“. Beide betonen jedoch, dass sie das Projekt nicht zuletzt aus einem ganz bestimmten Grund durchziehen werden: „Wir zeigen mit dem Stück anderen Menschen, was passieren kann“, sagt Sofie „Damit sie nicht in diese Szene abrutschen“, ergänzt Michael.

Und das ist der springende Punkt: „Die Jugendlichen sollen im Vorfeld die Strategien der rechten Szene kennen, damit sie nicht überrascht werden, wenn mit diesen Leuten in Berührung kommen“, erklärt  Theaterpädagoge Jean Francois Drozak. Drozak ist Autor des Stücks und hat es mit den Schülern vier Tage lang einstudiert. Die einzelnen Parts von „Acht.Acht“ – die Zahl steht jeweils für den achten Buchstaben im Alphabet, das H , ein Symbol für den verbotenen Gruß „Hai Hitler“ – sind nicht an den Haaren herbeigezogene, nein , der Pädagoge entwickelte das Stück anhand von Forschungsergebnisse . Studenten der Evangelischen Hochschule Nürnberg haben 2007 inkognito beobachtet, wie Neonazis neue, eben oft junge und unsichere Menschen in ihre Kreise einführen: zunächst ganz subtil, wie in der Szene auf dem Fußballplatz, später brutaler, wie in Boxclub.

Mit bereits 35 Schulen hat Jean Francois  Drozak bisher zusammengearbeitet. Viele Zuschauer waren „entsetzt, wie brutal das Stück ist“, erinnert er sich. Gerade auch das Ende ist nichts für schwache Nerven, so viel sei gesagt: „Wir wollen auch die Realität zeigen und keine romantische Geschichte“, begründet Drozak.

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