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Auf Wiedersehen im Camp

10. Januar 2010

 

Alle zwei Jahre findet in Nürnberg das renommierte Jugendtheaterfestival „licht.blicke.“ statt. Herausragende Produktionen des Schul- und Jugendtheaters werden auf den Bühnen des Gostner Hoftheaters (https://www.gostner.de/) präsentiert. Neben tollen Stücken gibt es auch Workshops für die Schulen aus Nürnberg und das PGN war dabei.


Die Aufgabe war interessant: Als Inspirationsquelle für Theaterszenen standen uns (das sind acht theaterbegeisterte Schülerinnen und Schüler aus der letzt jährigen Theatergruppe der Mittelstufe und ihr Theaterlehrer Dirk Benker) Interviews mit deutschen Kriegsgefangenen in den USA zur Verfügung, die Prof. Dr. Geuthner von der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg geführt hat. Im zweiten Weltkrieg wurden 300.000 deutsche Kriegsgefangene in amerikanischen Camps in den Südstaaten verschifft. Dort lebten sie, ihrer Wahrnehmung nach, in luxuriösen Verhältnissen. 
„Stell Dir vor, Du bist in Kriegsgefangenschaft, und Dir geht es dort besser als je zuvor.“ Auch die zusätzlichen Bedingungen waren äußerst interessant. Gespielt werden sollte in einer verlassenen Fabrikhalle auf dem AEG-Gelände an der Fürther Straße, das sich immer mehr zu einem Kulturmekka entwickelt und in naher Zukunft hoffentlich auch Sitz der neu gegründeten Nürnberger Theaterakademie sein wird. Die Bühne bestand aus dem Grundriss eines Kriegsgefangenenlagers, der mit Klebeband auf dem Hallenboden fixiert wurde. Als Requisiten standen lediglich acht Milchkannen zur Verfügung. Spannend. Extrem spannend!

Nachdem die Teilnehmer die Interviews gelesen hatten, haben wir uns mit dem betreuenden
Theaterpädagogen Jean-Francois Drozak zusammengesetzt und ein erstes Konzept erarbeitet. Schnell war klar, dass wir keine Lust auf naturalistisches Betroffenheitstheater haben, sondern lieber unsere Vorstellung davon präsentieren wollen, wie das Lagerlaben damals so gewesen sein könnte. Neben den sicherlich sehr komfortablen äußeren Umständen (Kuchen, Demokratiekurse, Unterhaltungsprogramm) interessierte unsere Theatergruppe vor allem der Umgang der Kriegsgefangenen mit der eigenen Schuld und ihren zweifelsohne vorhandenen Sehnsüchten (Familie, Heimat, Sex). Auf dieser Grundlage entstand in den vier Tagen auf dem AEG-Gelände eine energiegeladene Performance, die v.a. durch chorische Elemente, Rhythmik und Gesang geprägt war. Hier konnten die Schüler ihre Vorlieben und Erfahrungen aus vergangenen Theaterarbeiten optimal einbringen.Die Präsentation der Ergebnisse fand am 29. Oktober 2009 statt – einmal um 17:00 und einmal um 19:00 Uhr. Neben dem Pirckheimer-Gymnasium haben das Dürer- und das Sigmund-Schuckert-Gymnasium, sowie die Sperberhauptschule mit Schülerensembles teilgenommen, so dass am Ende ein circa einstündiges Programm auf die Bühne gebracht werden konnte. Zwischen den Aufführungen hatten die Schüler noch Gelegenheit mit Zeitzeugen zu sprechen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft geraten waren, wodurch die Erfahrungen der Schüler mit diesem Workshop noch zusätzlich intensiviert worden sind.

Ein rundum gelungenes Projekt, das zwar viel Schweiß und Mühen gekostet hat, letztendlich aber auch viel Spaß und eine Menge interessanter Erfahrungen beschert hat.

Danken müssen wir Gisela Hoffmann und Tilmann Seidel vom Gostner Hoftheater, die uns zu diesem Workshop eingeladen und uns optimal betreut haben. Daneben gilt unser Dank Stefanie Dunker (Leiterin KUF-Kulturbüro Muggenhof) vom Amt für Kultur und Freizeit der Stadt Nürnberg (https://www.kuf-kultur.de/index.asp), die den gesamten Workshop organisiert und die sagenhafte Spielstätte bereit gestellt hat. Auch für die Fotos, die im Rahmen dieses Beitrags zu sehen sind, ist Stefanie Dunker verantwortlich. Last but not least möchten wir uns bei Jean-Francois Drozak von „Kunstdünger – Die Agentur für Kulturdesign“ bedanken, der hart mit uns an der Performance gearbeitet und diese um einiges verbessert hat! Sein Elan und sein kreativer Input können gar nicht überschätzt werden!
(Dirk Benker)

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