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Playback in Muggenhof

24. Oktober 2008

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Alte Geschichten inspirieren Fünftklässler. Neue Kulturladen-Initiative startet erfolgreich mit einem „Playbacktheater-Projekt“. Ein Zeitungsbericht aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.10.2008.

Alte Geschichten inspirierten Fünftklässler
Neue Kulturladen-Initiative in Muggenhof startet erfolgreich mit einem «Playbacktheater-Projekt» – Kinder und Senioren waren begeistert

Mit Beifall überschüttet wurde das erste Projekt des neuen Kulturladens in Muggenhof: Geschichten von Senioren aus dem Stadtteil setzten Kinder der Preißler-Schule in Theaterszenen um. Vor der Premiere war der Stadtanzeiger bei den Proben dabei. Nachkriegszeit in Nürnberg: zwei Buben sammeln von den Amis weggeworfene Zigarettenkippen. Als sie aus der Beute eine Zigarette drehen, die sie irgendwo in einem Muggenhofer Kornfeld rauchen, erwischt der Schutzmann die Zehnjährigen. Der Polizist fragt die Ertappten, ob ihre Eltern wüssten, dass sie rauchen. «Natürlich», lügen die Buben. Daraufhin zückt der Polizist schmunzelnd sein Büchlein, nimmt die Personalien auf und verspricht, den Eltern der Knaben mal einen Besuch abzustatten.«Freeze!», ruft der Moderator.

Drei Kinder bleiben wie eingefroren stehen und warten auf Regieanweisungen. Mit auf der Probebühne sitzt Gerhard Oertel. Die Kinder spielen seine Geschichte – ein Erlebnis, das der Pensionär aus Muggenhof hatte, als er so alt war wie die jungen Darstellerinnen und Darsteller neben ihm.«War das genau so, wie sie sich erinnern?», fragt der Moderator. «Sollen wir noch etwas ändern?» Eigentlich passt alles, nur an der Pointe muss noch gefeilt werden: mit gespielten Zeitsprüngen wird gezeigt, dass der Schutzmann – sehr zur Beruhigung der Kinder – am nächsten Tag nicht kommt, nach einer Woche nicht kommt, nie kommt. Zehn Jahre später tritt Oertel selbst eine Ausbildung zum Polizeidienst an. Seinen neuen Chef kennt er irgendwie: «Sie haben mich doch damals vor zehn Jahren beim Rauchen im Feld erwischt» – «Ja, aber ihren Eltern hab ich nichts gesagt.»Geschichtchen wie diese haben fünf Senioren aus Muggenhof einer Gruppe von Fünftklässlern der Gostenhofer Preißler-Schule erzählt. Unter Anleitung des Nürnberger Theaterpädagogen Jean-Francois Drozak entwickelten die Kinder daraus kleine Szenen, die so gut geworden sind, dass man sie gerne den Schulfreunden vorführt.

Alle sind beeindruckt

Eine Woche lang arbeiten die Hauptschüler acht Stunden täglich an ihren Stücken. Der Erzähler selbst ist Regisseur bei dieser Methode namens Playbacktheater. Er darf in die Umsetzung seiner Geschichte eingreifen und das Spiel korrigieren. Das ist Neuland für alle Beteiligten, aber angetan und beeindruckt ist jeder davon, wie zauberhaft sich dieser Erinnerungstransfer von der Großeltern- zur Enkel-Generation entwickelt hat.

«Es ist schön, mehr darüber zu wissen, wie es hier früher war», findet eine der Schülerinnen. «Zuerst dachte ich, die sollen nicht so lange erzählen, aber dann war es voll spannend», sagt ein anderes Mädchen. Die Kinder sehen ihre alltägliche Umgebung plötzlich in ganz neuem Licht, sind neugierig geworden und würden gerne noch mehr Stadtteilgeschichten von früher hören.

Wer hätte gedacht, dass es hier einmal Wiesen und Felder gab? Seit wann gibt es eigentlich die Kläranlage? Stimmt es wirklich, dass das Volksfest früher hier bei uns war? So viel Kontakt zu älteren Menschen in ihrer Umgebung hatten die Kinder noch nie, und vor allem nicht so freundlichen.

Ähnlich geht es den Senioren: «Ich bin begeistert von den Erzählungen und dem Interesse der Kinder», sagt Gerhard Oertel, der Polizist im Ruhestand. Er freut sich, dass endlich etwas für Kinder und Jugendliche im Stadtteil getan wird. Die Schüler, sämtlich mit Migrationshintergrund, haben keine in Muggenhof verwurzelten Großeltern, die ihnen alte Geschichten erzählen könnten.

Das Theaterprojekt ist eine der ersten Aktionen der neuen Stadtteilkoordinatorin Michaela Schremser und der Leiterin des entstehenden Kulturladens für Muggenhof und Eberhardshof, Stefanie Dunker. Die in den vergangenen Monaten aufgebauten Kontakte zu Vereinen, Parteien, Schulen und Kirchengemeinden erwiesen sich als essentiell für das Gelingen des Projekts. Fast alle mit Kindern und Jugendlichen befassten sozialen Einrichtungen vor Ort sind beteiligt – über das Netzwerk konnte außerdem die Aktion Mensch als Sponsor gewonnen werden.

Kreative Impulse

Nicht zuletzt durch den heißen Draht zu geheimen Nachrichtenzentren wie dem örtlichen Fußpflegesalon, konnten mit Leichtigkeit fünf Senioren mobilisiert werden, die bereit waren, den Hauptschülern ihre Geschichten zu erzählen. Das Projekt zeigt: Der lange kulturell eher vernachlässigte Westen Nürnbergs könnte mit großen Schritten aufholen. Ein Veranstaltungsort ist geplant, und von der entstehenden «Künstlerkolonie» auf dem Ex-AEG-Gelände dürften in Zukunft ebenfalls interessante kreative Impulse ausgehen.

Bedarf vor Ort ist offenbar vorhanden, die zentrale Randlage zwischen Nürnberg und Fürth scheint dem Kulturladen zusätzlich zu nutzen. Bereits im Herbst sind viele Veranstaltungen geplant, einige bereits ausverkauft – wie das Kindertheater.

Infos unter Tel. 650 94 93 und www.kubiss.de.

Peter Kunz

 

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