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Pflege ist mehr als Satt und Sauber

27. März 2016

2111571_t1w454h300q75v26846_Coburg_Um_die_Erlebnisse_von_Am Donnerstagabend strömten Eltern, Freunde und Lehrer in die Aula der Staatlichen Realschule Coburg I, um zu sehen, was die 18 Schüler der Klasse 9e mit den Lehrkräften Alexandra Rußner und Nicole Walther innerhalb einer Woche auf die Beine gestellt haben. Sie hatten sich einem echten Herzensprojekt gewidmet, das vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration gefördert wurde: die Aufführung eines Theaterstücks über Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten.

Ob Alten- oder Jugendhilfe, Kindertagesbetreuung oder Behindertenhilfe – Pflegeberufe sind oft als anstrengend und unterbezahlt verschrien. Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD), der zwölf Jahre lang Sozialreferent der Stadt Coburg war, betonte den demografischen Wandel und die wachsende Anzahl von Ganztagsschulen. “Wir brauchen mehr qualifizierten Nachwuchs”, sagte er. “Wer einmal in einem Pflegeberuf gearbeitet hat, will meistens nichts anderes machen.”


Geschichten aus dem Alltag

Dass diese Berufe auch viel geben, wenn die sogenannten “Herzwerker” mit Engagement bei der Sache sind, hat die neunte Klasse aus dem sozialen Zweig aus erster Hand erfahren. Sie haben vier Menschen interviewt, die schon länger in diesen Berufen arbeiten und sich jeweils zwei Geschichten aus deren Alltag erzählen lassen.
Die Geschichten wurden den Zuschauern in acht Akten vorgespielt, um zu zeigen, dass Pflege von anderen Menschen mehr ist als nur “satt und sauber”. Das weiß auch Joachim Lieb, Vorsitzender des Kooperationspartners Arbeitersamariterbund Coburg. “Wir leben in einer Gesellschaft der wachsenden sozialen Kälte”, erklärte er. Pflegeberufe seien nicht nur anspruchsvoll, weil sie Hirn, Hand und Herz benötigten. Joachim Lieb verspricht: “In diesen Berufen kann man garantiert ohne Arbeitsplatzsorgen über Jahrzehnte arbeiten.”
Neben den Schauspielern kümmerten sich Schüler um Garderobe und Verpflegung während des Abends, schrieben die Dialoge und gestalteten selbstständig Plakate, Programm und Flyer.

Anne Vognsen konnte sich nach einem Praktikum nie vorstellen, in die Altenpflege zu gehen. Heute macht die 26-Jährige genau das. Beim Regionalverband Coburg des ASB, der nicht nur der größte Pflegedienst in Coburg, sondern bayernweit auch der größte Regionalverband ist, hilft sie Senioren zu Hause, ihren Alltag zu meistern. Nicht jeder ältere Mensch zeigt sich dabei kooperativ. “Wenn man sein Leben lang selbstständig war, ist es schwer, im hohen Alter Hilfe anzunehmen”, erklärte Anne Vognsen.

Er musste erst Vertrauen fassen

Bei einem Mann, der seit einem Krankenhausaufenthalt seinen Haushalt nicht mehr alleine bewältigen kann, musste sie deshalb “Pflege portionsweise” anwenden. “Manchmal bin ich nur gekommen, um ihm die Haare zu waschen”, erinnerte sich die Pflegerin. “Langsam fasste er Vertrauen und bat mich bald von selbst um Hilfe.” Anne Vognsen schätzt, was ihr die älteren Herrschaften zurückgeben. “Es ist nicht nur die Menschlichkeit, die mich berührt”, sagte sie, “meine Patienten sind für mich Familie.”

Lukas Weber spielte an diesem Abend unter anderem den älteren Herrn. Geholfen hat ihm die Erfahrung seiner Eltern, die beide in der Altenpflege arbeiten. Er selbst hat schon ein Praktikum im Altenheim absolviert. “Anfangs war es schwer”, sagte der 16-Jährige. “Aber am Ende der Woche hatte ich jeden Einzelnen ins Herz geschlossen.” Nach dem Abitur könne er sich gut vorstellen, einen sozialen Beruf zu ergreifen.
Ähnlich geht es seiner Klassenkameradin Magdalena Meixner, die in dieser Szene Schwester Anne gespielt hat. In einer anderen schlüpfte sie in die Rolle eines geistig behinderten Patienten. “Die Mimik zu üben war eine Herausforderung”, sagte die 15 Jahre alte Realschülerin. “Oft mussten wir bei den Proben lachen, auch, wenn das Thema ernst ist.” Nach Praktika im Mehrgenerationenhaus und im Kindergarten ist ihr Ziel, Sozialpädagogin zu werden.

Unterstützung durch einen Experten

Bei den Proben wurden die Jungschauspieler von dem Sozial- und Theaterpädagogen Jean-François Drozak unterstützt, der auch die Interviews mit den “echten” Pflegekräften während des Stücks führte.
Bei Gerhard Heinzl, der seit 30 Jahren für das Amt für Jugend und Familie der Stadt Coburg arbeitet, wird auch er sentimental. “Ich habe selbst einige Jahre in einem Heim verbracht und wurde von Menschen wie Ihnen großartig unterstützt”, erklärte er. “Ohne die Hilfe vom Jugendamt würde ich heute nicht hier stehen.” Gerhard Heinzl bestätigte: “Das Jugendamt ist mehr als die Einrichtung, die Kinder wegnimmt oder zu spät reagiert.”

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