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NN – acht.acht. klärt auf

5. Januar 2011

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Wenn Nazis in der Schule Thema sind, dann meist in Geschichte. Dabei gibt es auch heute noch Rechtsextreme mit verqueren Ansichten. Wie hintergründig sie junge Leute anwerben, damit haben sich vergangene Woche einige Siebt- bis Neuntklässler der Nürnberger Preißler-Hauptschule und des Dürer-Gymnasiums beschäftigt – und das Theaterstück „acht.acht“ auf die Bühne gebracht.



Paul und Franz hängen oft zusammen ab und langweilen sich. Eines Tages schenkt ihnen ein Mädel eine CD mit 13 Songs. Darauf steht eine E-Mail-Adresse. Paul und Franz schreiben hin – und haben plötzlich viele neue Kumpels. Die laden sie ins Fußballstadion ein und geben Freibier aus. Irgendwann finden sie sich in einer Hinterhofkneipe wieder, wo man sich mit dem verbotenen Hitlergruß begrüßt. Paul haut ab. Doch Franz wird immer mehr in den Sog der Rechten gezogen.

Zuerst war ich schockiert, dass wir so ein Stück aufführen“, erzählt Burak (14), der einen der rechten Rattenfänger spielt. Doch bald wurde ihm und den anderen klar, wie schnell sie auch im wahren Leben in eine ähnliche Situation geraten könnten. Schließlich haben Neonazis auch schon in Nürnberg Schulhof-CDs mit rechter Musik verteilt.

Nettsein ist die oberste Taktik
„Die Rechten tun erst auf furchtbar nett und wollen einen verführen“, hat Tolunay (15) gelernt. „Aber dann wird es immer strenger.“ Im Theaterstück wird diese Taktik mit den Worten „Tänzeln – Deckung – Angriff“ umschrieben. „Beim Tänzeln bewegst du dich um dein Ziel, suchst einen Schwachpunkt und lächelst dabei.“ Das heißt, die Neonazis stellen Freibier bereit und bieten schnelle Hilfe an. „Zu deinem Umzug am Samstag stehen sechs stramme deutsche Männer vor deiner Tür“, verspricht Udo, der Anführer im Stück, Katrin mit donnernder Stimme.

Die Kunst der Deckung wiederum bedeutet, „sich jemandem zu nähern, ohne dass er dein wahres Gesicht erkennt“. Als Deckung nutzen die Rechten oft Codes – etwa die Zahl 88, die dem Theaterstück den Namen gab. Sie steht für zweimal den achten Buchstaben im Alphabet, das H, und ist ein Deckmantel für den verbotenen Gruß „Heil Hitler“.

Die Rechtsextremisten kommen nicht einfach und sagen: ,Hey, wir haben was gegen Ausländer. Machst du mit?‘. Die machen das viel subtiler“, weiß Theaterpädagoge Jean-Francois Drozak. Er ist der Autor des Stücks und hat es mit den Jugendlichen an vier Tagen einstudiert. Dass nichts davon erfunden oder übertrieben ist, dafür kann er garantieren. Denn das Stück basiert auf Interviews, die Studierende der Ohm-Hochschule Nürnberg mit Aussteigern und Kennern der rechten Szene geführt haben.

So wird Franz etwa in den Boxclub seiner neuen Freunde eingeladen. Dort weist die „Trainerin“ ihn an, sich vorzustellen, der Boxsack sei ein Ausländer. Auf den solle er mal so richtig eindreschen. „Einen solchen Boxclub, mit dem die Szene junge Leute anzieht, gab es wirklich – und zwar in Zirndorf“, sagt Drozak.

Ich hasse mich in der Rolle“
Die Box-Aufseherin wird von Judith gespielt. Bei ihrem Auftritt gefriert einem das Blut in den Adern. „Dazu musste ich alle meine Überzeugungen über Bord werfen“, sagt die 14-Jährige. „Ich hasse mich richtig, wenn ich in dieser Rolle bin.“ Auch Tolunay verrät, dass er an etwas denken musste, das ihn sehr wütend macht – um äußerlich so eiskalt zu werden wie der Franz, den er spielt. Denn eiskalt sind im Stück alle, die zur rechten Szene gehören – die Jugendlichen bringen das sehr ernsthaft auf die Bühne. Bei den Proben ist Tolunay ins Grübeln gekommen. „Es ist ja okay, wenn man stolz auf sein Land ist“, meint er, „aber nicht, wenn man deshalb Ausländer verprügelt.“Am Ende artet die Story um Franz und Paul in Gewalt aus. Denn nur durch Gewalt können sich die Rechten Respekt verschaffen. Damit man selbst nicht in eine solche Situation kommt, lohnt es, sich mal auf die Sprüche seiner Eltern zu besinnen, finden Tina (13) und Vinolia (14): nichts von Fremden annehmen, mit niemandem mitgehen, Verdächtiges melden.
ANNIKA PEISSKER 

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