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Mit dem Herzen sehen – Mainpost

30. Oktober 2011

herzwerker

(as)…Die alte Dame schiebt entschieden ihre Gehhilfe weiter. Die Pfleger müssen jetzt irgendwas unternehmen, sonst wird die demenzkranke Bewohnerin ihres Altenheims gleich durch die Tür verschwunden sein. „Ich gehe nach Amerika“, verkündet sie entschlossen. Was tun? Gewalt kommt nicht infrage, jetzt muss schnell eine Lösung her.

Doch zum Glück ist die alte Dame nicht wirklich in Gefahr. Denn das Pflegeheim befindet sich heute auf der Bühne der Stadthalle und die Dame am Rollator ist eine Schülerin der Wilhelm-Sattler-Realschule, die mit Mut und großer Überzeugungskraft eine demenzkranke Seniorin spielt. Auch ihre Pfleger sind Schüler. Die insgesamt vier Jungen und vier Mädchen haben am „Herzwerker“-Projekt teilgenommen, bei dem Schüler durch ein Theaterstück für soziale Berufe begeistert werden sollen. In nur drei Tagen haben sie Szenen aus dem Alltag sozialer Berufe einstudiert. Und nicht irgendwelche Szenen: „Unsere Geschichten sind wahr“, sagt Projektleiter Jean-Francois Drozak. „Menschen haben diese Sachen wirklich erlebt und uns erzählt. Und wir haben daraus Szenen gemacht.“


Die Geschichte mit der Seniorin beispielsweise stammt von Holger Korb, Leiter des Alten- und Pflegeheims „Maria Frieden“. Er ist selbst in der Stadthalle zu Gast, zusammen mit vier anderen Protagonisten aus dem sozialen Berufsfeld. Zwischen den Szenen erzählen sie Schülern und Eltern von ihren Berufen. Und das mit so viel Begeisterung und Einfühlungsvermögen, dass die Zuschauer nach jedem Interview sichtlich beeindruckt applaudieren. „Es macht einfach Spaß, alte Menschen zu begleiten, zu unterstützen und ihnen zuzuhören“, sagt Korb. „Es ist aber auch anstrengend. Wenn jemand weg will, müssen wir versuchen, ihn mit Worten zu überzeugen.“ Deshalb reden auch die Pfleger in der Szene geduldig auf die Frau ein. „Sie können doch gar kein Englisch, wie wollen Sie sich denn in Amerika verständigen?“ „Es gibt doch gleich Abendessen.“ „In Amerika bekommen Sie aber keinen fränkischen Apfelkuchen.“ Das letzte Argument überzeugt die Dame. Sie kommt ins Heim zurück.

Der Leiter Jean-Francois Drozak schafft es, jeden zu erreichen. Die Jugendlichen, die an diesem Projekt teilnehmen, kommen als veränderte Menschen heraus“, hatte Casting-Beauftragte Amrie Zwinscher angekündigt. Die jungen Darsteller verkörpern Behinderte, Kranke, jugendliche Problemfälle und weinende Kinder – und all das mit so viel Ernsthaftigkeit und Engagement, dass auch Eltern und Mitschüler sichtlich berührt sind.

Die Zuschauer selbst bleiben dabei auch nicht außen vor. Das ganze Stück über wird nämlich ein Rätsel aufgebaut: Eine der acht Szenen ist nicht wahr. Und am Ende muss das Publikum in drei Versuchen erraten, welche. Im dritten Versuch entdecken sie schließlich den Fake: Eine Szene aus der Kita St. Maximilian Kolbe, wo der Vater eines neuen Kindes weggeschickt wird, obwohl er bleiben will. „Das würden wir nie machen“, sagt Leiterin Martina Müller.

Das Bayerische Ministerium für Soziales ist Träger der Herzwerker Kampagne. Ziel ist eine Berufsberatung der besonderen Art. Denn im sozialen Beruf arbeitet man mit dem Herzen, als „Herzwerker“. Wer sich nach dem Projekt so etwas für sich vorstellen kann, kann bei fast allen vertretenen Einrichtungen ein Praktikum machen. Die Herzwerker Kampagne ist ein Der Job gebe einem unheimlich viel zurück, sagt Wolfgang Holler, Lehrer an der Christopherus-Schule für geistig Behinderte. „Ich kam einmal zur Arbeit und mir ging es nicht gut. Da kam eine Schülerin zu mir und sagte: „Hallo, Schatzi!“ Da habe ich mir gedacht: Mein Gott, in welchem anderen Beruf gibt es so was?”

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