& Allgemeines
Migranten erkunden Nürnberg – NZ

7. März 2010

Opernhaus

Ein ausländischer Besucher weiß oft mehr über Nürnberg als ein Migrant, der hier geboren ist. Warum nicht Tourist spielen und die Heimat neu erkunden? Siebtklässler der Dr.-Theo-Schöller-Hauptschule haben das gemacht und sind begeistert.

Drei, vier, fünf, zehn Jahre leben sie schon in der Stadt – und haben das Staatstheater noch nie von außen, geschweige denn von innen gesehen. Umso mehr weiten sich die Augen, als Menglong, Samer und die anderen durch die fabelhafte Theaterwelt laufen, vorbei an eleganten Sitzreihen der Oper, über die Bühne, bis hinein ins Herzstück eines jeden Ensembles: der Damen- und Herrenschneiderei.


Aber dort sind es nicht die wunderbar wallenden Kleider aus verschiedenen Jahrhunderten und die unzähligen Accessoires, die die Jugendlichen faszinieren, sondern einer der Herrenschneider. Ein Geselle mit sogenanntem Migrationshintergrund: Yusuf, der 1978 mit seiner Familie aus der Türkei nach Nürnberg gekommen ist. Gebannt lauschen die Jugendlichen, die ebenfalls alle fremdländische Wurzeln haben, seiner Geschichte vom Ausländerkind zum städtischen Mitarbeiter. «Eigentlich», sagt er, «wollte ich Gas- und Wasserinstallateur werden.» Da er aber keine Lehrstelle gefunden hat, machte er eine Schneiderlehre, ein Beruf den er sich früher nicht vorstellen konnte: «Nadel und Faden sind doch etwas für Frauen», habe er damals gedacht. Das ist aber schon lange her. Inzwischen liebt er das Handwerk und ist froh über seinen spannenden Arbeitsplatz.

Schnell kommt Yusuf mit Almina und Dilara ins Gespräch; die beiden Mädchen sind ebenfalls türkischstämmig. Ortsnamen aus der alten Heimat fallen, Erinnerungsfetzen. Einen von ihnen hätten die Teenager wohl an diesem Platz nicht vermutet. Jemand, der als Vorbild dienen und Mut machen kann: «Man darf nicht gleich sagen: ,Ich schaffe das nicht’». Er selbst habe keinen Hauptschulabschluss – und es dennoch bis zum Schneidergesellen geschafft.

Auch Robert hat eine lange Reise hinter sich. Der Kongolese, der als Bühnenhandwerker tätig ist, engagierte sich in seiner Studentenzeit für die Opposition. Den Repressionen in seiner Heimat konnte er gerade noch entgehen: 1995 kam er als Asylsuchender nach Deutschland, schon drei Jahre später fing er am Theater an: «Ich wollte vermeiden, dass ich Sozialhilfe beantragen muss», erzählt er, «und das hat schließlich auch geklappt.»

Die Botschaft, dass auch Hauptschüler und Migrantenkinder etwas werden können, sollen die Jugendlichen mit nach Hause nehmen. Das ungewöhnliche Projekt, das der Jugendmigrationsdienst der Caritas gemeinsam mit der Dr.-Theo-Schöller-Hauptschule initiiert hat, will ihnen genau das zeigen. Die Mädchen und Jungen sollen nicht nur ihre Umgebung besser kennenlernen und sich im Behördendschungel zurecht finden, sondern auch mehr Selbstvertrauen gewinnen. Dazu trägt das Theaterstück bei, das die Siebtklässler mit dem Pädagogen und Regisseur Jean-Francois Drozak parallel zu den (Stadt-)Besuchen proben: In einzelnen Szenen bringen sie die Erzählung «Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit» von Albert Camus auf die Bühne.

Auch bei diesem Stück zeige sich, dass es Einwanderer zu etwas bringen können, meint Drocak: «Camus war doch ebenfalls Migrant.» Für einen Gymnasiasten sei es selbstverständlich, den französischen Philosophen und Literaturnobelpreisträger zu kennen: «Wir wollten aber, dass auch Hauptschüler mit dem Namen etwas anfangen können.» Außerdem könnten den Schülern mit dem Text gut grammatikalische Redewendungen vermittelt werden, findet Drocak.

Wie sehr das Theaterspielen den Jugendlichen Spaß macht, zeigen sie bei den Proben. Immer wieder weist der Regisseur auf Satzstrukturen, Personalpronomina und Adjektive hin. Im Deutschunterricht werden die neuen Kenntnisse später vertieft. Kein Wunder, dass Siglinde Schweizer, die Schulleiterin der Hauptschule, das Konzept sofort unterstützte: «Auf diese Weise erlernen sie spielerisch die deutsche Sprache.»

Zahra ist vom Stadtrat begeistert
In der Zeit, in der sie das Rathaus, den CVJM, das Staatstheater und eine oberfränkische Familie in Hetzles (siehe Kasten links) besuchten, hätten sie nichts versäumt, findet Schweizer. Denn was sie dabei lernen sei für ihre Integration unbezahlbar. Außerdem sollen sie die Erfahrungen ihren Klassenkameraden mitteilen und somit als Multiplikatoren dienen.Auch der Leiter des Jugendmigrationsdienstes, Michael Ruß, lobt das Konzept. Der Sozialpädagoge hofft, dass sich die Jugendlichen nach dieser Tour für ihre Stadt mehr interessieren und engagieren. Bei Zahra scheint die Rechnung aufzugehen. Der Stadtrat hat es ihr angetan: «Vielleicht», sagt sie, «mache ich da auch mal mit.»
Sharon Chaffin

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