& Allgemeines
Kultur ist nicht irgendein Brimborium

4. Oktober 2010

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Max Fuchs ist nicht nur gelernter Mathematiklehrer, sondern auch Professor für Kulturpädagogik, Direktor der Akademie Remscheid und Präsident des Deutschen Kulturrates, in dem 233 deutsche Kulturorganisationen zusammengeschlossen sind. Am kommenden Dienstag, 13. Juli, diskutiert Fuchs auf Einladung der Nürnberger SPD-Stadtratsfraktion über die »Pflichtübung kulturelle Bildung« und Kulturarbeit in Zeiten der Finanzkrise. Wir sprachen mit ihm.
Artikel aus den Nürnberger Nachrichten vom 13. Juli 2010 – Kathariina Ehrlenwein

Herr Professor Fuchs, kulturelle Bildung wird seit einigen Jahren als Rettungsanker in Zeiten des Bildungsnotstands gesehen. Ist der pädagogische Mehrwert von Theater- und Museumsbesuchen eigentlich belegt?


Max Fuchs: Ja, wissenschaftliche Studien zeigen ganz klar: Es ist grundfalsch, Mathematik von Kunst zu trennen. Vielmehr muss ein Gleichgewicht von wissenschaftlicher und künstlerischer Bildung her. Dass Schüler, die Theater sehen oder spielen, für Mathematik und Deutsch besser aufnahmefähig sind, belegen knallharte Fakten. Weil zum Lernen eine entspannte psychische Atmosphäre notwendig ist. In England, wo man in dieser Hinsicht viel weiter ist, hat man auch gezeigt, dass kulturelle Inhalte sich positiv auf das Verhalten der Lehrer, auf Schulschwänzer und auf die Leistungen auswirken.

Ist das deutsche Schulsystem zu träge für solche Entwicklungen?

Fuchs: Da bin ich nicht mehr so pessimistisch. Die Gesetze geben den Schulen immer mehr Freiheiten, durch die Konkurrenz um die schwindenden Schülerzahlen sind sie gezwungen, ein eigenes Profil zu entwickeln. Und vor allem der Trend zu Ganztagsschulen, der endlich auch in Bayern ankommt, schafft die Möglichkeit, Schulen als »kommunale Bildungsanstalten« in einem Netzwerk kultureller Einrichtungen zu sehen.

Fehlt es bei uns nicht auch entscheidend an der Lehrerausbildung?

Fuchs: Ja, deshalb ist der »Bologna«-Prozess mit verkürzten Studiengängen ja auch so katastrophal. Mit der Komprimierung des Studiums auf Wissensinhalte wird auch die Kultur aus den Hochschulen vertrieben. Das muss sich dringend ändern.

Es gibt aber noch immer die Kategorisierung in Hoch- und Subkultur, wobei Letztere als Ort angesehen wird, wo soziale Schieflagen ausgeglichen werden können…

Fuchs: Die Grenzen werden erfreulicherweise fließender. Ich selbst komme aus der Subkultur, vertrete im Kulturrat aber die Hochkultur. Daran sieht man, dass alle offener geworden sind. Auch große Theater und Orchester gehen mittlerweile in die Schulen und begeben sich in die »Niederungen« der Stadtteile. Da haben prominente Projekte wie Simon Rattles »Rhythm is it!« sicher geholfen. In England gibt es längst Maßnahmen zum »audience development«, weil auch die großen Institutionen irgendwann ohne Zuschauer dasitzen würden, wenn sie nichts unternehmen.

Künstler pochen aber auch immer wieder auf die Autonomie der Kunst, die nicht nur Erziehungszwecken dienen soll.

Fuchs: Diese sehr ideologische Debatte gibt es noch, aber sie ärgert mich. Alles ist schließlich nur Kunst, wenn es im sozialen Kontext konsumiert wird. Kunst muss beim Verbraucher ankommen, sonst ist sie keine. Schiller ist ein gutes Beispiel. Er benutzte seine fraglos hohe Kunst, um den Menschen eine – politische – Idee von Freiheit zu vermitteln. Hermann Glaser, der die Soziokultur in Nürnberg groß gemacht hat, zitierte in den 70er Jahren seitenweise aus Schillers »Ästhetischer Erziehung des Menschen«. Die Gegensätze sind nur konstruiert.

Warum hat es Kultur in Zeiten knapper Kassen so schwer und wird immer als luxuriöse Beigabe betrachtet?

Fuchs: Man muss die Argumente gegenüber denen, die entscheiden, vernünftig vorbringen und die Notwendigkeit von Kultur auch in eine ökonomische Sprache »übersetzen«. Mittlerweile sprechen aber auch viele Politiker nicht mehr von Kultur-»Subventionen«, sondern von -»Investitionen«. Man erkennt langsam, dass wir starke Menschen als Ressource brauchen. Kulturelle Bildung ist eben nicht irgendein Brimborium. Asien ist da längst weiter. In Korea, vor 30 Jahren noch ein Entwicklungsland, hat man konsequent auf Bildung als Schlüsselbegriff gesetzt. Gegenüber diesem Land hinken wir längst völlig hinterher.

Woran liegt es, dass kulturelle Bildung nicht mehr selbstverständlich weitergereicht wird?

Fuchs: Das gilt sicher für den klassischen Kanon. Aber man darf nicht unterschätzen, was Schüler heute für andere Qualitäten mitbringen…

Stichwort Hip-Hop statt Schiller?

Fuchs: Ja, so in etwa. Es kommt nicht so auf das Thema an. Auf internationalen Kongressen berührt mich immer wieder: Da, wo Kultur egal welcher Art in sozialen Brennpunkten ankommt, wird plötzlich im größten Elend elementares Menschsein möglich.

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