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Kirche wird es immer geben, nur anders – NZ

24. Oktober 2015

LUXViele junge Leute gehen heute nicht mehr in den Gottesdienst. Wie muss sich die Kirche verändern, damit das wieder anders wird? Wie wird die Kirche in der Zukunft aussehen, wenn die alten Strukturen nicht mehr tragen? Und braucht eine Gesellschaft heute überhaupt noch eine Kirche? Die NZ sprach über diese Fragen mit Inge Spiegel. Die 43-Jährige ist Gemeindereferentin der evangelisch-lutherischen Emmaus-Gemeinde in Nürnberg und dort unter anderem für die Jugendarbeit zuständig.

 


NZ: Ist eine Kirche in unserer heutigen Gesellschaft noch wichtig?

Inge Spiegel: Ja, die Kirche lebt von Menschen und es wird immer Menschen geben, für die der Glaube und die Kirche eine Bedeutung hat. Nur wird sich die Kirche wandeln. Ich bin jetzt seit fast zehn Jahren in einer Kirchengemeinde tätig und mir sind allein in dieser relativ kurzen Zeit immer wieder viele Veränderungen aufgefallen.
NZ: Warum und wofür wird die Kirche in Zukunft gebraucht?
Spiegel: Auch in 100 Jahren wird es eine Kirche geben, dessen bin ich mir ziemlich sicher. Aber in einer anderen Form und nicht mehr in dieser Größe wie heute. Für gläubige Menschen wird die Kirche immer noch wichtig sein als ein Ort, an dem sich die Menschen treffen und Kraft für den Alltag schöpfen können. Die Bedeutung der Kirche wird sich aber ändern. Sie wird abnehmen, weil mittlerweile viele Leute kaum etwas mit der Kirche und deren Inhalten anfangen können. Außerdem leben wir in einer pluralen Gesellschaft mit ganz vielen Angeboten und Möglichkeiten und die Kirche muss akzeptieren, dass sie ein Angebot von vielen ist.
NZ: Würden Sie etwas an der Kirche verändern und wenn ja, was?
Spiegel: Es wäre gut für die Kirche, wenn sie sich nicht nur um den Erhalt der Institution und ihrer eigenen Strukturen kümmern würde. Die Verantwortlichen in der Kirche sollten sich immer wieder aufs Neue folgende Fragen stellen: Was ist unsere eigentliche Aufgabe? Was wollen wir? Was macht den Kern der Kirche aus?
NZ: Und was macht den Kern aus?

Spiegel: Für mich ist dies das Gebot der Nächstenliebe und die Barmherzigkeit, also die Hinwendung zum anderen Menschen. Kirche ist für mich eine gelebte Gemeinschaft. Sie soll nicht nur um sich selbst kreisen, sondern auch andere einbeziehen, die am Rand stehen.
NZ: Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Spiegel: Momentan kommen viele Flüchtlinge zu uns. In der Bibel steht „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.“ Das ist ein ganz konkreter Auftrag, den die Kirche erfüllen sollte. Das bedeutet, dass man diese Menschen in die Gemeinschaft aufnimmt und Raum für echte Begegnung auf Augenhöhe schafft.
NZ: Viele junge Leute besuchen heute nicht mehr den Gottesdienst. Können Sie sich vorstellen, warum?
Spiegel: Ich gehe jetzt von ganz normalen Sonntagsgottesdiensten aus. Die Sprache, die dort gesprochen wird, die alten Lieder, die Orgelmusik – das ist nicht sehr ansprechend für Jugendliche. Ich habe Verständnis dafür. So ein Gottesdienst hat mit der Lebensrealität junger Menschen nichts zu tun. Ich habe zum Teil auch Probleme damit. Ein weiterer Grund, warum sich wenig Jugendliche in der Kirche engagieren: Die Anforderungen in der Schule sind hoch und in Zeiten von Ganztagsschulen haben die jungen Leute wenig Zeit für anderes. Außerdem konkurriert die Kirche mit vielen anderen Angeboten, wie zum Beispiel Sportvereinen.
NZ: Wie könnte man die Kirche für Jugendliche denn interessanter gestalten?
Spiegel: Darüber haben sich schon einige Menschen Gedanken gemacht und es gibt durchaus gute Ideen: In Nürnberg ist zum Beispiel die Jugendkirche LUX entstanden. Da wird versucht, eine jugendgemäße Kirche zu gestalten. Sowohl im Bezug auf die Gestaltung der Räume als auch im Bezug auf die Inhalte.
NZ: Glauben Sie, dass die Kirche wirklich eine Kirchensteuer benötigt?
Spiegel: Ja. Diese Steuer ist zumindest wichtig, um das momentane System aufrechtzuerhalten. Sollte es diese nicht mehr geben, würde das zu einer Krise führen – jede Krise bietet allerdings auch die Gelegenheit für etwas Neues. Vielleicht würde es dann mehr eine Kirche des Gesprächs und nicht mehr der toll geplanten Veranstaltungen

sein. Die Kirche würde weiterbestehen, nur in anderer Form.
NZ: Und in welcher?
Spiegel: Vielleicht werden Formen von Kirchen entwickelt, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Und selbst wenn dann viel weniger Menschen in die Kirche gehen – wenn sie ihren Glauben ehrlich, ernsthaft, kreativ und offen für andere leben, so wäre das trotzdem ein Gewinn.
Fragen: Jeanette Moos, Patrizia Paul

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