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Kellerkinder einsammeln – FK vom 28.1.

28. April 2010

acht-acht

Hof – Es sind üble rechte Hetzparolen, die durch die Halle  gebrüllt werden. Verstörende Drohungen, abscheuliche Schimpfworte und beunruhigende Sprechchöre dröhnen in den Ohren der Zuschauer. Schwarz gekleidete junge Akteure tragen eine Art Hakenkreuz-Altar über die Rampe. Das Erschrecken ist echt – sowohl auf der Bühne als auch im Publikum.“acht.acht” heißt ein Theater gegen Rechtsextremismus, das derzeit in Zusammenarbeit mit der Agentur “Kunstdünger” von Studenten der Fachakademie für Sozialpädagogik in Hof aufgeführt wird. Die jungen Leute haben sich zusammen mit ihrer Lehrkraft Nanne Wienands intensiv damit auseinandergesetzt, wie die rechte Szene die Lebenswelt von Jugendlichen nutzt, um sie für ihre Zwecke zu gewinnen. Junge Menschen sollen dafür sensibilisiert werden, dass sie rechtsextreme Einstellungen in der Gesellschaft erkennen und dagegen angehen. Das Stück ist für die von der Diakonie getragene Akademie auch ein ökumenisches Projekt: Mit an Bord ist der Bund der Deutschen Katholischen Jugend in Bamberg.

 
“Euer Einfühlungsvermögen, euer Mut und eure Kraft zu handeln ist gefragt, wenn es darum geht, rechten Tendenzen zu begegnen”, betont Theaterpädagoge Jean-Francois Drozak in seinen einleitenden Worten. Er macht darauf aufmerksam, dass es in der rechten Szene eine “subversive Art der Nachwuchsarbeit” gibt. In Mittelfranken habe man zahlreiche junge Leute zum Thema interviewt. “Was wir dort erfahren haben, ist der Hintergrund für die einzelnen Szenen des Theaterstücks. So oder ähnlich passiert es immer wieder.”Es sind Collagen, Versatzstücke, Frequenzen, die sich um rechte Stimmungsmache drehen. Sie beginnen irgendwo und hören irgendwann einfach auf: Lisa und Anna werden auf dem Schulhof von einem Unbekannten angesprochen. Sogar eine CD hat er für sie dabei. Kostenlos. Die Mädels greifen gerne zu. Und weil ihnen die Musik gefällt, melden sie sich und kommen zum Treffen “ganz unverbindlich” vorbei. “Kellerkinder einsammeln” nennen das die Neonazis, wenn sie Jugendlichen, die tagsüber sich selbst überlassen sind, eine Freizeitaktivität bieten. Im Theaterstück ist das Boxen: Die jungen Leute lernen Angriff, Tänzeln und Deckung – nicht nur für den Sport.Lautes Glockenläuten beendet die Aufführung – es ist durchdringender als die rechte Propaganda. Damit erinnern die Mitspieler an die Aktion von Pfarrer Ulrich Boom, der im unterfränkischen Miltenberg mit Glockengeläut eine NPD-Kundgebung scheitern ließ. “Das hat zu unserem Stück inspiriert”, berichtet Drozak. Nach dem langen Beifall für die Akteure bekennt Schulleiter Achim Schäfer, dass ihn das Stück sehr berührt hat. “Als zukünftige Erzieher sind sie ja Multiplikatoren. So wie sie bei ihrer Arbeit die Gesellschaft gestalten, so wird sie sein.”

Isabella Kern, die eine der Hauptrollen übernommen hat, berichtet von ambivalenten Gefühlen: “Am Anfang habe ich gedacht, dass ich solche Worte nie aussprechen kann.” Später habe sie es geschafft, die eigenen Gefühle auszublenden und sich auf den Text zu konzentrieren. “Das Stück hat mich stärker gemacht, mich dem rechten Gedankengut entgegenzustellen.”

Von einem riesigen Ekel, der sie befallen habe, erzählt Marion Zeidler: “Als ich solche Worte schreien sollte, ist mir ganz schlecht geworden.” Zeidler möchte allen Mitstudenten Mut machen, wach zu werden: “Wenn es rechtsradikale Tendenzen gibt, handelt aktiv, bleibt nicht passiv.”

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