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Integration im Wohnzimmer – SZ

15. November 2017

WohnzimmerDie Jugendlichen des Projekts „Wertewapperl“ treten auf der Straße und bei einer Familie auf

Lautstark und enthusiastisch stürmen die Jugendlichen das Wohnzimmer der Familie Sauerbrey. Sie haben eine große Leinwand mitgebracht, auf der ihr Logo – das „Wertewapperl“ – prangt. Auch mit dabei: drei Trommeln, die sofort von den Jugendlichen in Beschlag genommen werden. Genauso wie das Wohnzimmer der Sauerbreys. In kürzester Zeit haben es sich alle auf dem Sofa oder dem Boden bequem gemacht und unterhalten sich wie selbstverständlich mit allen Anwesenden. Neben der Familie des Hauses sind noch Jörn Bülck, Schulleiter der Seerosenschule in Poing, sowie Jugendbeauftragter und Gemeinderat Omid Atai und natürlich Jean-Francois Drozak, der die Jugendlichen bei dem Projekt unterstützt hat, gekommen. Es werden jedoch schnell noch mehr: Die Nachbarn – durch den Krach neugierig geworden – werden kurzerhand ebenfalls zur Vorführung in der guten Stube eingeladen.


Im Wohnzimmer ist es nun langsam eng geworden, trotzdem herrscht absolute Stille, als Drozak sich mit einer Rede an das Publikum und natürlich seine Schützlinge wendet. Er betont, dass die Jugendlichen mit der Einladung der Sauerbreys eine große Hürde überwunden hätten, denn das Wohnzimmer sei ein heiliger Ort, der privateste, den eine Familie zu bieten habe. Dorthin jemanden einzuladen, sei ein Zeichen von großer Offenheit, denn dort spiele sich das Leben der Familie ab, der Keimzelle der Gesellschaft. Genau deswegen sei die Vorführung der Performance bei Silvie Sauerbrey – einer früheren Studienkollegin von Drozak – und ihrer Familie der Höhepunkt der Jugendkunstwoche in Poing.

In den vergangenen Tage waren die Jugendlichen, trotz schlechten Wetters, an diversen öffentlichen Plätzen in der Gemeinde aufgetreten. Sie wollten damit ihr Projekt bekannt machen, das „Wertewapperl“. Dieser Aufkleber steht für eine sachliche und faire Diskussion über Vertreibung, Flucht und Asyl. Ziel der Darbietungen war es, die Gesellschaft wachzurütteln und die Menschen zum Nach- und Umdenken zu bewegen.

Die Performance der Jugendlichen beinhaltet mehrere Szenen aus dem Alltag, beispielsweise an der Supermarktkasse oder beim Zahnarzt, in welchen sie die Probleme der Flüchtlinge aufzeigen. In einer weiteren Szene stellen sie eine wahre Begebenheit nach, um zu zeigen, mit welchen Vorurteilen Menschen mit Fluchthintergrund zu kämpfen haben – und wie die Angst der Flüchtlinge selbst sie daran hindern kann, sich zu integrieren.

Die öffentlichen Auftritte sorgten definitiv für Aufsehen, jedoch waren die Reaktionen sehr unterschiedlich: Manche Passanten blieben stehen, andere filmten, mancher ging weiter. Auch sehr respektlose Abfuhren mussten die Jugendlichen hinnehmen und ihr Projekt vor Kritikern verteidigen. Doch dies habe auch etwas Gutes, sagt eine der Teilnehmerinnen, durch die Diskussionen seien andere Passanten angelockt wurden, die sich dann ebenfalls mit dem Thema auseinandergesetzt hätten. Außerdem, so sagt sie, habe Drozak ihnen von Anfang an klar gemacht, dass sie alle „Prinzen und Prinzessinnen“ seien – und sich von niemanden etwas gefallen lassen müssten.

Bülck und Atai sind voller Bewunderung für das Engagement der Jugendlichen. Der Gemeinderat betont, wie wichtig es sei, der Anstoß der Veränderung zu sein, die man herbeiführen wolle. Durch das Projekt haben die Jugendlichen auch viel gelernt: Sie wurden selbstbewusster, wissen nun für sich und die Werte, die ihnen wichtig sind, einzustehen, lernten selbst viel über Toleranz. Außerdem haben sie in der Gruppe vor allem eines gefunden: Zusammenhalt. Beim Beobachten der quirligen und dynamischen Gruppe fällt es schwer zu glauben, dass sich die Jugendlichen zuvor kaum oder gar nicht kannten – nun haben sich echte Freundschaften entwickelt, durch Werte, die alle verbinden.

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