- Icebreaker+ Depression und AngehörigeDie Agentur für Kulturdesign
Icebreaker

7. Dezember 2009

icebreaker

In den letzten Jahren haben in Deutschland landesweite Kampagnen dazu geführt, dass immer mehr Menschen mit schweren Depressionen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche gibt es allerdings Bedarf an neuen Präventionsstrategien. Immerhin gehört es zur Entwicklung von Jugendlichen dazu, Phasen der Traurigkeit oder Sinnkrisen zu durchleben. Eine Abgrenzung zwischen entwicklungsbedingter Schwermut und Depression ist bei Jugendlichen schwierig. Aus gutem Grund wagen sich viele an das brisante Thema nicht heran. Gesellschaftliche Aufklärung tut Not, denn immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter schweren Depressionen. Doch ab wann sollte man von einer schweren Depression sprechen und wie erkennt ein Jugendlicher oder sein Umfeld, dass professionelle Hilfe notwendig wird?

Was gefährdet Deine Zukunft?
Mit „Ice Breaker“ startet die Agentur für Kulturdesign  ein Pilotprojekt, um Kinder und Jugendliche für das Krankheitsbild „schwere Depression“ zu sensibilisieren. Im Mittelpunkt steht nicht die Diagnose, sondern eine ganz pragmatische Frage. In Kooperation mit Schulen wird mit Hilfe eines Theaterstücks beleuchtet, ab wann Schwermut die eigene Zukunft gefährden kann. „Es ist zunächst egal, wie man ungesunde Zustände benennt. Jugendliche brauchen und wünschen sich Zukunftsperspektiven. Schwermut kann in besonderen Fällen dies verhindern, beispielsweise bei Leistungsabfall“, meint Jean-Francois Drozak. Er ist Theaterpädagoge. In diesem Frühjahr inszenierte er erstmalig „Ice Breaker“ an einer Nürnberger Realschule. Die Mitwirkenden sind sich einig. Über Depression als Krankheitsbild zu informieren reicht nicht aus, egal wie man sie benennt. Damit betroffene Jugendliche und ihre Verwandten sich bei Bedarf um Hilfe bemühen, ist eine vertrauensvolle Atmosphäre in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld notwendig. Zu den Aufführungen sind daher nicht nur Jugendliche, sondern auch deren Eltern und Multiplikatoren eingeladen.

Checklisten. Es gibt sie. Sie helfen einzuschätzen, ob ein Jugendlicher Symptome zeigt, die seiner Entwicklung und Zukunft schaden. Jeder Zuschauer erhält vor der Aufführung eine solche Checkliste, die das „Bündnis gegen Depression“ ausgearbeitet hat. Das Theaterstück wird zwischen den Szenen angehalten. Das junge Publikum wird daraufhin aufgefordert einzuschätzen, ob die Hauptfigur unter typischen Krankheitssymptomen leidet. So findet die Checkliste schon während der Inszenierung exemplarisch an der Hauptfigur Anna Anwendung.

Verborgenes. Anna kann abends nicht mehr einschlafen und kommt in der Früh nicht mehr aus den Federn. Sie wirkt zurückgezogen und trifft sich kaum noch mit anderen Jugendlichen. Eine Überraschungsparty ihrer Freunde lässt sie platzen. Sie stellt sich die Sinnfrage und hat viel an der Gesellschaft auszusetzen. Im Laufe der Handlung wird immer deutlicher, dass Anna aus ihrer Schwermut nicht mehr aus eigener Kraft herauskommt. Ihr Umfeld nimmt das kaum oder falsch wahr. Die Entwicklung einer schweren Depression findet oft im Verborgenen statt. In einer lauten und dynamischen Umgebung werden depressive Menschen selten wahrgenommen. Sie geraten bald in die Rolle des Außenseiters. Das Theaterstück wirkt wie ein Tanz. Es kommt mit nur wenigen Dialogen aus, ist ein leises Stück und entspricht dem typischen Krankheitsverlauf. Die jungen DarstellerInnen im Alter von 12 bis 15 Jahren bewegen sich dezent und fragil. Die Szenenhandlung wird auf ästhetische Weise verlangsamt. Der Betrachter erhält so die Gelegenheit, die Interaktion zwischen der Hauptfigur Anna und ihrem Umfeld genauer zu betrachten.

Jugendkult. Jeder Mensch erlebt Stimmungsschwankungen und integriert diese in den Alltag. Er hat dabei in der Regel keinen größeren Leidensdruck. Der Unterschied zu einer depressiven Störung besteht darin, dass die Stimmung durchgehend gedrückt und traurig ist. Diese Menschen sind durch ihre Erkrankung nicht mehr in der Lage, auf ihre Umwelt und die Dinge, die um sie herum passieren, angemessen zu reagieren. Bei Kindern und Jugendlichen ist es in der Regel noch schwieriger, eine depressive Störung zu erkennen, da sich die Symptomatik, die wir von Erwachsenen kennen, im Kindes- und Jugendalter nicht in voller Ausprägung zeigen muss. Zudem fällt es jüngeren Kindern schwerer, Gemütszustände und Gefühle richtig auszudrücken. Jugendliche gehen mit ihren Problemen häufig nicht mehr so gerne zu ihren Eltern. Es ist unter Erwachsenen keine typische Vorstellung mehr, dass Kinder und Jugendliche glücklich und sorgenfrei sind. Allerdings nehmen Jugendliche selbst das von den Medien propagierte Leitbild einer schönen und unbeschwerten Jugendlichkeit verstärkt wahr. Dass viele diesem Jugendkult nicht entsprechen, erschwert Jugendlichen über Kummer und Sorgen zu sprechen.

Seelische Gesundheit macht Schule. Das Theaterstück wird in nur einer Projektwoche unter der Leitung eines Theaterpädagogen eingeprobt. Die Darsteller sind Schüler aus der kooperierenden Schule – das Publikum ebenfalls. So entsteht eine intensivere Erfahrung als bei gängigen Präventionsstücken von pädagogischen Theaterensembles. Diese kommen zumeist nur für wenige Stunden an die Schulen. Bei „Ice Breaker“ ist das pädagogische Team eine komplette Woche vor Ort. Das Stück wird vor- und nachbereitet. Hierfür wird derzeit ein Begleitheft mit Unterstützung des „Bündnisses gegen Depression“ erarbeitet, das Lehrkräften eine Nachbereitung erleichtert. In den nächsten Jahren wird das Theaterstück nicht nur in Nürnberg zu sehen sein. „Ice Breaker“ sucht nach weiteren Kooperationspartnern, Organisationen oder Einzelpersonen, um die Präventionsbotschaft in so vielen Schulen wie möglich zu multiplizieren. Auch über Nürnberg hinaus.

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