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Hinein in die deutsche Stube – NZ

12. November 2012

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Sommerkirche zum Thema Sprache und Bildung in Gostenhof

Was hält die Menschen in Gostenhof bei aller Verschiedenheit der Herkunft, Sprachen und Kulturen zusammen, außer den Grundbedürfnissen Essen, Trinken und Dach überm Kopf? Woran orientieren sich die Bewohner? In der Reihe „Sommerkirche“ diskutierten Pädagogen in der Dreieinigkeitskirche zum Thema „Sprache und Bildung“.

Der Gostenhofer Pfarrer und Gefängnis-Seelsorger Frank Baumeister staunt: Hauptschüler, die von der Schule geflogen, in schlechter Gesellschaft und schließlich im Gefängnis gelandet waren, holten dort ihren Quali nach. Und erreichten einen Notendurchschnitt von satten 1,9! Da reiben sich selbst die Lehrer von der Hauptschule die Augen. Woran liegt das? Nicht an mangelnder Intelligenz. Auch nicht unbedingt an der Sprachbarriere, wohl aber an schlechten Einflüssen und vielerlei Ablenkungen, die die Kinder vom Erfolg abhalten. Erst die Langeweile im Knast nötigt die verkrachten Schüler zu Disziplin, schließlich zur Motivation.


Aber muss denn erst die harte Hand der Justiz durchgreifen, bis sich guter Lernerfolg einstellt? Am Anfang aller Kultur und Bildung steht erstmal eine gemeinsame Sprache, in diesem Fall Deutsch. Wo lernt man die? In der Schule? In Instituten? „Eher im deutschen Wohnzimmer“, bekundet Jean Francois Drozak. Der Percussionist, freie Künstler und pädagogische Tausendsassa ist im Elternhaus mit Französisch und brasilianischem Portugiesisch („Der Sprachenunterschied zwischen Brasilien und Portugal klingt wie Niederbayern gegen Preußen“) aufgewachsen. „Deutsch hatte ich als Kind wie eine Fremdsprache verstanden. Richtig gelernt hatte ich Deutsch erst durch Einladungen bei Deutschen daheim in der guten Stube. Die Menschen sollten Freude daran entwickeln, Menschen außerhalb von Instituten kennenzulernen. Also: am besten gleich nach Hause einladen!“

Damit ist Jean Francois Drozak schon einige Schritte voraus. Ganz am Anfang stehen die Klienten von Magdalena Musial. Die Krakauerin, die das Nürnberger Elternbüro „Nest“ leitet, nimmt Elternpaaren, die des Deutschen (geschweige des Fränkischen) nicht mächtig sind, die erste Angst vor den Sprach- und Amtshürden, indem die Beratung zum bayerischen Schulsystem durch ehrenamtliche „Elternlotsen“ in der Muttersprache erfolgt. 18 Sprachen von Russisch bis Arabisch, von Vietnamesisch bis Tagalog (Phillippinen) hat das Nest im Repertoire. Machen die Eltern Fortschritte im Deutschen, wechselt die Beratung schrittweise ins Deutsche. „Wenn die Eltern in ihrer Muttersprasche angesprochen werden, öffnen sie sich eher“, beobachtet Magdalena Musial. „Und in Sprachkursen wie ,Mama lernt Deutsch‘ fallen die Barrieren schneller, wenn die Eltern sehen, wie sich andere Migranten ebenfalls um Deutsch bemühen.“

Etwa in der Mitte der Sprach- und Bildungsstrecke steht Muhittin Arslan. Der Sohn türkischer Eltern unterrichtet an der Preißler-Hauptschule. Ihm geht es darum, die Gemeinsamkeiten der sprachlichen Vielfalt herauszufinden, etwa indem man Parallelen zu Sprichwörtern findet. Dem deutschen „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ entspricht das türkische „Wenn der Ast noch feucht und grün ist, kannst du ihn biegen; ist er alt und trocken, nicht mehr.“

Arslan begreift seinen Unterricht darin, die Kinder aus der Konsumentenrolle heraus- und in die Produzentenrolle hineinzulotsen. Theater und Pantomime sind gute Einsatzgebiete, bei denen Hauptschüler gleichauf mit Gymnasiasten liegen. „Das hätten wir euch ja gar nicht zugetraut!“, ist so ein Standardkompliment, das Hauptschüler oft zu hören bekommen. Eben dies ist die gutbürgerliche Scheuklappe, die die Kinder in minderbelichtete Hauptschüler und hochintelligente Gymnasiasten einteilt.

Die Stärken zählen, nicht die Schwächen

In dieselbe Kerbe schlägt auch Jean Francois Drozak: „Wir müssen aufpassen, nicht nur das Defizitäre zu sehen! Wir müssen sehen, was die Migrantenkinder für Stärken mitbringen, anstatt immer nur auf das, was fehlt.“

Das finden auch einige Zuhörer, die sich in der Diskussion zu Wort melden. Ein Zuhörer aus der Südstadt, der Kontakt zu Bürgern eines guten Dutzends Nationen unterhält, schränkt jedoch ein: „Es herrschen starke Berührungsängste zu den Deutschen, weil am Anfang deren Kultur nicht verstanden wird. Bevor wir uns ins Wohnzimmer setzen, fangen wir doch lieber erstmal in der Öffentlichkeit an.“

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