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Hallo Deutschland

14. Dezember 2010

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Mit neun Jahren kam ich zum ersten Mal in eine deutsche Schule. Als meine Klassenkameraden hörten, dass ich aus Brasilien kam, da wusste ich mich nicht mehr vor ihnen zu retten. Die Eingeborenen glaubten hier, dass alle Brasilianer gut Fußball spielen können müssten. Ich hatte noch nie wirklich Fußball spielen können. Doch es gehörte wohl zum Ritual dieses Volkes, sich mit dem Fremden auf ein Fußballfeld zu messen. So wurde ich in der Schulpause eingeladen, in einer Mannschaft im Sturm mitzuspielen. Ich war höflich und machte alles mit. Doch als meine Mannschaft nach meinem dritten Faul erkannte, dass ich kein echter Brasilianer war, verließen sie mich. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meiner Mutter geglaubt, wenn sie meinte, ich wäre ein Brasilianer. Aber hier in Deutschland wurde ich eines Besseren belehrt. Wer Brasilianer ist, wird ein Fußballstar. Ich dagegen wurde von meinen Klassenkameraden seither mit Argwohn beäugt.



Mit elf Jahren entledigte ich mich meiner brasilianischen Identität. Ich sprach nicht mehr die Sprache meiner Mutter. Ich suchte mir deutsche Freunde und versuchte, mir einen bayerischen Akzent anzugewöhnen. Ich war schlecht in der Schule. Im Nachhinein danke ich meine Mutter dafür, dass sie mich in eine französische Schule einschreiben ließ. Damals jedoch wollte ich so sein wie meine Freunde und in die gleiche Schule gehen. Ich lebte jedoch wie ein Grenzgänger zwischen verschiedene Welten. Ich ging vormittags nach Frankreich in die Schule. Am Nachmittag machte ich meine Hausaufgaben in Brasilien und wenn ich spielen wollte ging ich nach Deutschland zu meinen Freunden.

Ich habe Deutschland erst richtig verstanden, als ich aufgrund der psychischen Erkrankung meiner Mutter in einem Kinderheim lebte. Ich lernte wie ein Deutscher zu essen, zu reden und sogar zu lieben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Möglichkeit gehabt, in einem deutschen Wohnzimmer zu sitzen. Wer einen Mensch verstehen will, muss aber sein Wohnzimmer kennen.

Obwohl ich den Eindruck hatte nun langsam ein Deutscher zu werden, liebte mich meine Umgebung wegen meiner Andersartigkeit. Da lernt man wie ein Deutscher zu fühlen und erhält Komplimente dafür, dass man keiner ist. Ich habe es damals nicht richtig verstanden, aber es ist schön, geliebt zu sein. Ich war ein Papagei. Und alle fanden mich toll. Ich war genau die Art von Papagei, wie man sie gerne hat. Ich war ein Papagei der sich seinen deutschen Freunden übersetzten konnte. Was meine Freunde in mir sahen, war eine Spannung, die jeder Mensch in sich trägt: Der Konflikt zwischen der eigenen Identität und der Außenwelt. Eine Erfahrung die Menschen in ihrer Pubertät beschäftigt. Von Kindesalter war ich aufgrund meiner kulturellen Vielfalt mit diesem Konflikt stärker konfrontiert als meine Altersgenossen. In mir sahen meine Freunde einen Menschen, der selbstverständlich mit diesen Widersprüchen zu leben wusste. „Selbstverständlich“ ist etwas übertrieben, ich hatte mich einfach früher daran gewöhnt als sie.

Ich hatte einen Freund aus Afrika, Nazaire. Er kam aus Togo und lebte mit zehn weiteren Asylbewerbern in einer Unterkunft. Wir trafen uns mindestens einmal in der Woche. Ich hatte in München eine kleine Wohnung angemietet und war auf dem aufstrebenden Bildungsast. Nazaire kam einmal in der Woche zu mir nach Hause. Manchmal kam er nicht. Er rief jedoch immer an. Auch wenn er ´mal wieder im Gefängnis saß, weil er München ohne Erlaubnis verlassen hatte. Nazaire durfte nicht arbeiten. Er bekam damals ein Taschengeld von DM 80.-. Die Monatskarte kostete zu diesem Punkt DM 60.-. Straftaten waren vorprogrammiert. Schwarzfahren, Hehlerei und Schwarzarbeit gehörten zu seiner Art mit DM 20.- im Monat auszukommen. Einmal in der Woche bekam er eine Kiste mit Lebensmitteln, die er nicht kannte. Ich versuchte Nazaire oft zu trösten. Er war auf mich wütend, weil ich nicht in seiner Situation steckte. Ich war ein guter, er ein schlechter Ausländer. Da war es wieder, dieser Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Papagei. Ich war integriert. Er war ungezähmt.

Doch was wäre aber wenn wir mehr sind als uns eine definierte kulturelle Identität erlaubt.
Jean-Francois Drozak 

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