& Allgemeines
Es gibt kein Glück ohne das Glück der anderen

1. September 2011

schorlemmer

Es gibt das schöne Wort von der »Schwarzbrotspiritualität«. Es verweist darauf, dass wir nicht entrücken dürfen, sondern mit dem Sozialen, in dem wir leben, verbunden bleiben müssen.

D: Friedrich Schorlemmer, wer ist das – Ihr Jesus Christus?
Schorlemmer: Er zeigt mir die Welt. Er zeigt, was ich übersehe, nicht sehen kann, nicht sehen will. Viele Gesichter hat er für mich, schon in der Bibel; dann übermalt und übertüncht von den Jahrhunderten. Viele Schichten auf einem Bild, Interpretationen, auch mit Missverständnissen, mit gewollten, damit er sich besser einfügen lasse ins jeweils Herrschende.

Was heißt: ihn zu verstehen?
Die Welt nicht so zu lassen, wie sie ist.

Ist Ihnen Jesus manchmal auch egal?
Ja. Ist er. Aber er bleibt mir unentbehrlich. Es wäre schlimm um uns, wenn es ruhig um ihn würde.

Wer ist er?
Der Lehrer, der Wundertäter, der Sozialtherapeut, der große Menschenliebende, der Hohepriester, der Versöhner, der enttäuschende König, der zurechtweisende Freund, der unverstandene Bruder, der sanfte Revolutionär, der fremde Weggefährte, Titel um Titel fände ich für ihn – viele Hoheitstitel für seine Erniedrigung –, für ihn, der keinen Titel braucht, um wer zu sein. Er hat eine Größe, die mich aber nicht klein macht.

Es gibt unzählige Jesus-Darstellungen. Welche ist Ihre?
Mein Jesus hängt hier in Wittenberg, als hölzerner Torso an einer Wand. Ohne Arme, nur Beinstummel, rechtsseitig wurmzerfressen bis zur Hüfte, klaffende Wunde, den Kopf zur Seite geneigt, halboffener Mund, abgebrochene Nase, geschlossene Augen.

Keine Schönheit.
Ehrlich gesagt, selbst ich habe mich nie so richtig an diesen Torso gewöhnt, und das ist gut. Sein Körper ragt als Schrei in die Welt. Ecce homo! Sehet den Menschen, wie er zugerichtet wurde in den Jahrhunderten danach. Die Spuren unserer Achtlosigkeit, unserer Lieblosigkeit, unserer Zerstörungswut. »… nach Christus«, so zählen wir, als ob er die vollzogene Wende der Zeit sei. Und da hängt er als der vermoderte, aufgerissene, abgerissene, abgehackte Holzkörper. Ich muss anders zählen, wenn ich ihn ansehe: x nach Auschwitz, x nach Hiroshima. Der geschundene, verbrannte, verstümmelte Menschensohn. Es ist abschreckend, wie er zugerichtet ist. Die Folgen unserer Abschreckung sehe ich an ihm voraus.

Geschichte.
Geschichte? Vorweggenommene Apokalypse.

Gibt es eigentlich richtige und falsche Religiosität?
Religiosität ist ambivalent. Christlich gesehen, ist Religiosität erst dann richtig, wenn sie gemeinschaftsbezogen bleibt, wenn sie am elementaren Lebensrecht aller orientiert bleibt. Sie muss wissen, dass wir nicht die Herrscher der Welt sind, sondern Nutznießer von Gegebenem – aber mit der Begabung, dieses Gegebene zu erkennen und umzuformen. Es gibt das schöne Wort von der »Schwarzbrotspiritualität«. Es verweist darauf, dass wir nicht entrücken dürfen, sondern mit dem Sozialen, in dem wir leben, verbunden bleiben müssen. Es gibt kein eigenes Glück ohne das Glück des anderen.

Spiritualität, um uns aus dem bloß Kreatürlichen zu erheben.
Ohne uns freilich einzubilden, es verlassen zu können.

Wenn man Sie über Glauben reden hört, dann denkt man, es sei ein anderes Wort für Vertrauen.
Indem ich glaube, vertraue ich meinem Gefühl – im Staunen, in Dankbarkeit, in Lobpreisung.

Lobpreisung wessen?
Des Unbegreiflichen im Dasein. Man kann das mit dem schönen Bild vom Wanderer am Meer ausdrücken: Es gibt hinter dem, was deine Augen da vorn auf den Wassern, bis zum Horizont sehen, noch eine dritte Dimension: Hinter den Bildern existiert etwas, das sich nicht messen und wiegen lässt.

Das doch aber eine Grundsicherheit gibt?
Niemand weiß am Ende, was wirklich trägt.

Wir haben auch die Hölle in uns. Haben wir uns also nicht in der Hand?
Es hat uns in der Hand.

Es. Gott oder Teufel?
Das genau ist immer die Frage. Wir selber sind es jedenfalls nicht.

Die Kernfrage der Theologie? Freiheit oder Unfreiheit des menschlichen Willens?
Die Welt ist änderbar – das ist die klare Antwort auf Zyniker, die das in Abrede stellen.

Es gibt ein Gedicht von Heinz Czechowski: »Auch der Satz/ ›Die Welt ist veränderbar‹ Kann/ Religion werden./ Aber:/ Die Welt ist veränderbar!«
Andererseits: Nur wenig ändert sich auf Dauer wirklich, alles fängt immer wieder beim alten Adam und der alten Eva an, wie Günter Gaus sagte, und es setzt sich bei Kain und Abel fort. Luther ist skeptisch im Blick auf den Menschen und dessen angebliche große Fähigkeit, den Graben zwischen Sein und Sollen, Anspruch und Wirklichkeit aus eigener Kraft zu überspringen. Der Mensch kann dies nicht, und am gefährlichsten werden wir dort, wo wir den Graben gar nicht mehr sehen wollen. Ich kann die Welt nicht als befreiter und unschuldig gesprochener Moralist verändern, sondern nur als Sünder unter Sündern. Ja, wir sind »allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms«, schreibt Apostel Paulus. Wir alle! Unvollkommene, und dies bleibend.

Was stieß Sie bei den Kommunisten ab?
Der Dogmatismus Moskaus und der Dogmatismus Roms – zwei Kehrseiten einer Medaille. Ich ertrage kein System, das mir Wahrheitsbeschränkungen auferlegen will. Deshalb bin ich als Christ auch ein Antirömer. Ich bin kein Antikatholik, aber ich bin ein Antirömer, durch und durch. Rom als Prinzip funktioniert für mich nicht. Es widerspricht dem Jesus von Nazareth. Was mich bei den Kommunisten abstieß, war diese Anmaßung, der Geschichte ihren wahren Anfang gegeben zu haben, also zu behaupten, alles Vorherige sei nur Vorgeschichte gewesen, und die Widersprüche seien im Kommunismus nicht mehr antagonistisch.

Dass man die sozialen äußeren Umstände ändern müsse, und der Mensch würde gut – das ist eine Idee weit vor den Kommunisten.
Eben. Aufrührerische Gedanken gegen die soziale Ungerechtigkeit hat es immer gegeben und wird es weiter geben. Aber dem darf kein bestimmtes Wunschbild vom Menschen zugrunde liegen. Ein Mensch kann auch unter guten Umständen böse werden, und er kann unter bösen Umständen gut bleiben. Er kann, unter welchen Umständen auch immer, beides zugleich sein. Wir sind bereit für alle Möglichkeiten, nichts in unserer Seelenentwicklung ist mit Garantieabgabe vorauszuberechnen. Dass ich diesen Staat DDR furchtbar fand, hat nichts damit zu tun, dass der Kommunismus eine große Emanzipationsbewegung des 19. Jahrhunderts war, eine universalistische Weltidee, der Traum davon, dass die Welt letztlich allen gehört und alle Menschen gleiches Lebensrecht haben, und gleiches Lebensrecht bedeutet: Recht auf ein Dach über dem Kopf, Recht auf reines Wasser, Recht auf Nahrung und Recht darauf, mitzuwirken am Leben – als einem gesellschaftlichen Prozess zur Verbesserung sozialer Verhältnisse. Der Marxismus ist für mich im Wesentlichen daran gescheitert, dass er sich, in der Überbetonung des Sozialökonomischen, nicht der gebrochenen menschlichen Existenz stellte.

Empfinden Sie sich als Kleinbürger?
In gewisser Weise, ja. Ein Mensch, der nicht anfällig ist für das angenehme Kleinformatige im Leben, der ist vielleicht sogar gefährlich. Von dieser Art sind die militanten Ideologen, die unausgesetzt anspruchsvoll sind – ewige Überforderungsnaturen, denen keine kleine Freude gelingt. Andererseits mag ich Menschen nicht, die im Leben dauernd unter ihren Möglichkeiten bleiben. Ich kann niemanden verachten, der begrenzt ist in seinen Fähigkeiten. Aber denjenigen, der sich aus Bequemlichkeit oder Feigheit klein macht, der seine Klugheit nur dort offenbart, wo sie keine Konsequenzen hat, schon gar nicht für ihn selber, den verachte ich.

Zitat Schorlemmer: »Soziale Opfer dürfen ihre bittere Lage nicht als Rechtfertigung nutzen, um nun überhaupt nicht mehr nachzudenken über Systemfragen.«
Das aber geschieht häufig. Es gibt einen mentalen Schaden von sozialen Opfern, für den sie leider selbst verantwortlich zu machen sind. Ich mag nicht diese bierselige Verlierermentalität, deren Jammerton genau das System, genau jene Strukturen stabilisiert, die allem Unglück zugrunde liegen.

Hätten Sie gern in anderer Zeit gelebt?
Nein. Das wäre ungerecht gegenüber den Verhältnissen, in denen wir leben. Jede frühere Zeit mag Schönheiten und Vorteile gehabt haben – aber jede Zeit war grausamer als die jetzige. Ich habe freilich einen schlimmen Gedanken: Ich lebe nicht nur in der richtigen Zeit, ich sterbe auch zur rechten Zeit. Ich wage mir nicht vorzustellen, wie die Welt in fünfzig weiteren Jahren des Raubbaus an ihr aussieht. Und ich muss es mir nicht vorstellen. Das sage ich, obwohl ich gleichzeitig gegen diesen furchtbaren Weltzustand wachsender Entfremdung ankämpfe.

Nicht neugierig, wie es sein wird?
Ehrlich gesagt: Nein. Ich weiß doch, was kommt.

Das ist ein Urteil gegen die Welt unserer Enkel.
Dies ist das Dilemma.

Würden Sie denn lieber Abschied nehmen oder schlagartig sterben wollen?
Ich bin froh, dass ich das nicht entscheiden muss. Wenn ich dazu gezwungen würde, so wählte ich wohl die Sekunde, in der alles blitzartig geschieht. Das bewusste Erleben einer Sterbensdauer würde mir die Not einer Kraft zur Verabschiedung auferlegen, die ja, für sich genommen, zusätzlich Leben nimmt. Da können wir reden, was wir wollen, das Wissen um einen herannahenden Tod macht einsam, verwandelt alles in Absurdität. Ich habe einen Freund gehabt, er hatte, bevor er starb, eine Woche Zeit, um sich von allen zu verabschieden und alles zu regeln. Er hatte tatsächlich die Kraft dazu. Er starb an Leukämie. Nein, ich weiß wirklich nicht, ob ich diese Woche haben will.

Wie lernen Sie das Loslassen von Intensität und Exzessivität des Arbeitens?
Das lerne ich, indem ich Bachs Klaviermusik höre. Indem ich Rose Ausländer lese. Das lerne ich, wenn ich im Fluss schwimme. Oder wenn ich einen Brief an einen mir lieben Menschen schreibe.

Sie bleiben, trotz allem, ein Hoffender.
Wir brauchen die ganz große Hoffnung – die uns den Mut gibt, an das zu glauben, was wir aus eigenen Kräften doch nie erreichen werden.

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