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Es beginnt mit Fußball und Freibier – SZ

24. Juli 2012

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Schüler aus drei Poinger Schulen demonstrieren in dem Theaterstück „acht.acht“, wie Neonazis Jugendliche ködern

Poing – In der einen Hand die leere Bierflasche, die andere Hand imrechten Winkel ausgestreckt. Dazu das unvermeidliche „Heil Hitler!“.  In dieser kompromisslosen Haltung stehen fünf jugendliche Schauspieler in der Aula der Seerosenschule Poing auf der Bühne. Sie stellen einen Teil der „großen Familie“ der jungen Nationalsozialisten dar, die sich in ihrer deutschen Lieblingskneipe auf ein Feierabendbier treffen.

Auch Franz ist dabei. Tagelang haben die acht Laienschauspieler von der Förder-, Mittel- und Realschule Poing geprobt. „acht.acht“ lautet der Titel des Theaterstückes, mit dem die Darsteller gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz anspielen. Im Jugendzentrum Poing wurden zusammen mit dem Regisseur und Theaterpädagogen Jean-François Drozak die Rollen verteilt, Text gelernt und neue Freundschaften geschlossen.

Das Stück beginnt mit einer beispielhaften, harmlos wirkenden Szene. Vor kurzem haben Jungnazis den beiden Hauptfiguren Franz und Paul im Schulhof eine CD mit 13 Liedern in die Hand gedrückt, natürlich gratis. Mit den zunächst sympathisch wirkenden jungen Leuten besuchen die beiden 15-Jährigen ganz unverfänglich ein Fußballspiel. Die Eintrittskarten gibt es umsonst. Auch Bier. Franz fängt im Boxclub der Rechten an. Langsam wird er mit Argumentation und Gesinnung seiner neuen „Freunde“ vertraut gemacht. Paul allerdings distanziert sich sofort von der Gruppe, nachdem in deren Hinterhofkneipe der Hitlergruß gepflegt wird. Er versucht nun, Franz klarzumachen, womit man es hier zu tun hat.

Was ist denn falsch daran, ein stolzer Deutscher zu sein?“, fragt Franz unschuldig, abermit kaltem Blick. In der letzten Szene stehen die jugendlichen Nazis vor dem Publikum und rattern einen Sprechkanon herunter, der ihre Gewaltbereitschaft offenbart. Glocken läuten, dann herrscht minutenlange Stille, bevor das Scheinwerferlicht erlischt und Applaus aufbrandet.

Vor Beginn der Vorstellung erklärt Drozak dem Publikum, dass die nachfolgenden Szenen real seien. Eine Arbeitsgruppe aus Studierenden, die drei Monate lang auf Stoffsuche für dieses Theaterstück gingen, haben die Szenen erarbeitet. Es wurden Aussteiger kontaktiert, junge Frauen verdeckt in das rechte Netzwerk eingeschleust, teilweise sogar mit offenen Karten gespielt. Die Ergebnisse wertete man aus;  Drozak inszenierte daraus ein 45-minütiges Theaterstück. „Ich war am Ende vor einem riesigen Stapel Berichten gesessen und wusste gar nicht, wo ich anfangen soll.“

Anfangs war das Stück nur für ländliche Regionen in Oberfranken konzipiert gewesen, nun tourt es schon einige Jahre durch ganz Bayern und hat bereits mehrere Preise gewonnen. Eindrucksvoll wird darin gezeigt, wie überholt die laufenden Klischees über Nazis sind. Die Darsteller tragen modische schwarze Anzüge und Kleider.

Springerstiefel und Glatze waren gestern, so die Aussage des Stücks; heute passen sich Rechtsradikale den Modetrends der Jugend an. Daneben wird in den Szenen auch klar, dass sich junge Rechte über die Gemeinschaft definieren. Gemeinsam werden Beleidigungen gegen Juden, Ausländer und Minderheiten ausgesprochen. Gemeinsam ruft man „Heil Hitler“. Und gemeinsam ärgert man sich, dass übertrieben zur Schau gestelltes Deutschtum diskreditiert wird.

Es hat Spaß gemacht, sich in jemand anderen hineinzuversetzen.“, sagen die Darsteller. Sie sagen auch: „Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass sich Rechte nicht mehr nur am Rande, sondern in der Mitte unserer Gesellschaft befinden.“
Theresa Lackner

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