& Allgemeines
Eine südamerikanische Sicht auf Reichtum

29. Juli 2010

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Eine Rede von Ernesto Cardenal über Reichtum – Ein theologischer Diskurs

Es ist eine Tatsache, dass die Bibel die Reichen immer wieder verurteilt, auch wenn die Bibelübersetzungen dies oft verfälschen. Nicht selten wird »Reiche« mit »Übeltäter« übersetzt, womit die Verurteilung versteckt wird: Es ist sicher nicht falsch, »Übeltäter« zu verurteilen. Auch in Deutschland übt sich die Züricher Bibel, eine der verbreitetsten hier, in dieser Praxis des Versteckens, und dort, wo der Text von »Reichen« spricht, steht »Übeltäter«. Die Reichen sind in der Bibel die »Ungerechten«. »Reich« ist gleichbedeutend mit »ungerecht«.


Der Prophet Habakuk sagt, sie sind die, »die das Recht in Bitternis verwandeln«. Und er sagt über sie, dass sie dem Armen »kleine Mengen Weizen« wegnehmen, das heißt sie tun dies Tag für Tag, und sie tun es auf legale Weise durch ein ungerechtes System. Deshalb verwandeln sie das Recht in Bitternis. Das ist der permanente Diebstahl, der permanente Raub des Kapitalismus. Genauso sagt es auch Jeremias: Sie taten keine Gerechtigkeit, das Recht des Weisen traten sie mit Füßen, sie achteten nicht die Gerechtigkeit der Armen.

In der Bibel wird Reichtum durch Diebstahl, durch Raub angehäuft, deshalb bedeutet »reich« »ungerecht«. Deswegen verurteilt die Bibel den Reichen allein deshalb, weil er reich ist, ohne dass er unbedingt ein schlechter »Reicher« sein muss. Deswegen ist »reich« auch ganz einfach dasselbe wie »ungerecht«. Ungerecht hat dieselbe Bedeutung wie reich. Oft wird die Bibel auch bewusst gefälscht (auch die Züricher Bibel), indem »ungerecht« mit »gottlos« übersetzt wird. Auf diese Weise wird der Eindruck erweckt, als ob die Atheisten verurteilt würden, nicht die Reichen. Auch wenn viele dieser Reichen der Bibel keine Atheisten sind. Der Apostel Jakobus sagt uns in seinem Brief ausdrücklich (2,6): »Sind nicht die Reichen die, die Gewalt an euch üben und ziehen euch vor Gericht?« Die Erwähnung des Gerichts geschieht deshalb, weil sie die Gesetze nutzen. Das Gesetz ist auf ihrer Seite, und der Raub, den die Reichen begehen, findet im Rahmen eines Unrechtssystems auf legale Weise statt. Deshalb ist für die Bibel der Reiche schon allein dadurch ungerecht, dass er reich ist …

Es ist längst überfällig, dass Christen und Marxisten zusammengehen, so wie es der Paläontologe und Mystiker Teilhard de Chardin schon prophezeite. Wir Christen sind spät zum Marxismus gekommen, aber wir sind gekommen, um zu bleiben. Besser gesagt, wir sind zu unseren Wurzeln zurückgekehrt. Hatte nicht schon Engels darauf hingewiesen, dass das Asketentum der Urchristen ein Protest gegen die Reichen war? …

Vom Kommunismus kommen wir her. Kommunistisch sind unsere Wurzeln, die Heiligen Väter. Der Heilige Gregor von Nisa sagte, dass zu Beginn »das Meine und Deine, diese unseligen Wörter, fremd gewesen« seien. Und der Heilige Basilius sagt: »Eine perfekte Gesellschaft ist die, die jegliches Privateigentum ausschließt.« »Alle Dinge, die es auf dieser Welt gibt, sollten allen zur Verfügung stehen«, sagt Clemente Romano. Der Heilige Ambrosius von Mailand meint: »Der Herr hat gewollt, dass diese Erde gemeinsamer Besitz aller Menschen sei.« Und Chrisostomus sagt, dass die Gütergemeinschaft eine der menschlichen Natur angemessenere Daseinsform ist als das Privateigentum .

Die Menschheit war sozialistisch, bis das Privateigentum entstand. Der Theologe Leonardo Boff hat Recht, wenn er sagt: »Die sozialistischen Ideale sind tief in diesem politischen Wesen verwurzelt, das der Mensch ist. Dort werden gefährliche Utopien genährt.« 

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