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Eine Bühne für Gleichberechtigung – MF

15. April 2018

Wertewapperl

Das Landesjugendwerk Bayern hat in Poing ein einmaliges Projekt zur Integration und Akzeptanz von Flüchtlingen gestartet.
Seit Sommer 2016 begleitet das Landesjugendwerk Bayern, gemeinsam mit der Gemeinde Poing, den Theaterpädagogen Jean-Francois Drozak und Schulkinder aus Poing, um ein für mehrere Jahre geplantes Integrationsprojekt voranzutreiben. Dabei sollen einheimische Jugendliche und junge Flüchtlinge in interaktiven Workshops und Theateraufführungen Werte von Willkommenskultur entwickeln und gleichzeitig lernen, dass jeder Mensch – unabhängig von seiner Vergangenheit – eine faire Chance verdient hat.

Die Zielgruppe sind Jugendliche – 14 Jahre alt – und junge Flüchtlinge im Alter zwischen 18 und 27 Jahren. Natürlich weckt dieser Altersunterschied anfangs Kritik, die Bürgermeister Albert Hingerl (SPD) zum Projektstart so kommentierte: „Alle Initiativen sind ein Teil des großen Mosaiks, jeder tut sein Bestes.“
Im Rahmen der „szenischen Agenda“, wie es Schauspieler und Theatermacher nennen, ist ein „Wertewapperl“ entstanden. Das ist ein Aufkleber, den Eigentümer von Lokalen, Praxen und Institutionen in den Eingangsbereich ihrer Räume anbringen können.
Auch das Auto und die Haustüre kann ein ein guter Ort für das Wertewapperl sein. Damit bekennen sich die Bürger von Poing für eine sachliche und konstruktive Diskussion rund um das Thema Asyl. Ein weiterer Schritt ist die szenische Verortung des Projekts. Jugendliche und Flüchtlinge entwickeln kleine Sketche, die sie auf ihrer aufrollbaren Bühne dem Publikum zur Diskussion stellen.
In der letzten Ferienwoche sind die Jugendlichen an vielen Orten in Poing – auch in einem Wohnzimmer – aufgetreten und regten Menschen zum Nach- und Umdenken an. Die Performance der Jugendlichen beinhaltete mehrere Alltagssituationen. In zahlenreichen Szenen stellten sie wahre Begebenheiten nach, um zu zeigen, mit welchen Vorurteilen Menschen mit Fluchterfahrung zu kämpfen haben.
Die Reaktionen des Publikums auf der Straße waren sehr unterschiedlich: Manche Passanten blieben stehen, andere machten Aufnahmen, manche gingen weiter. Auch mussten die Jugendlichen ihr Projekt vor Kritikern verteidigen. Das habe etwas Gutes, sagte eine der Teilnehmerinnen, denn durch die Diskussionen wurden andere Passanten angelockt, die sich dann ebenfalls mit dem Thema auseinandersetzten.
Langfristig soll Poing ein Vorbild für andere Gemeinden sein, denn es ist noch viel geplant. So soll eine Stadt-Orientierungskarte für Flüchtlinge entstehen. Omid Atai, Stadtrat in Poing, äußert zur Initiative: Poing lebt und liebt dieses Projekt. Die Jugendlichen und das Landesjugendwerk der AWO Bayern leisten den wahrscheinlich wichtigsten Beitrag einer gelungenen Integration durch Vertrauensarbeit. Als Gemeinderat bin ich froh über diese tolle Zusammenarbeit und die bisherigen Projektergebnisse. Die Kids aus dem Projekt, mit und ohne Migrationshintergrund, treten aktiv an die Menschen heran und stellen sich einer sachlichen Diskussion über das Thema Flucht und vieles mehr.
Besonders gelungen sehe ich, dass die Jugendlichen gemeinsame Positionen entwickeln und sie auch miteinander verteidigen. Es entstehen dabei Freundschaften und Zusammenhalt. Auch unübersehbar für den Poinger Bürger. Als Poinger Gemeinderat und auch als Bürger finde ich, dass die Vertrauensarbeit oft zu kurz kommt obwohl sie von zentraler Bedeutung ist. Vertrauen ist der Grundbaustein für Akzeptanz. Jeder hat unterschiedliche Erwartungen vom jeweils Anderen. Manchmal schlägt Erwartung um in Vorurteile, dann ist der Weg noch härter bis zur Akzeptanz. Aber diese Poinger Initative schafft es durch ein gleichberechtiges Miteinander und einer sachlichen Diskussionskultur, dass zum Beispiel am Eingang der Aldi- Filale ein Werte-Wapperl des Projektes klebt oder in den Vitrinen der politischen Parteien. Gute Entwicklung und eine Integrationsarbeit mit Zukunft.

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