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Ein Vagabund – NZ

18. Januar 2010

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Ein Vagabund zwischen den Welten – Wie es einem jungen Mann von Sao-Paulo bis nach Nürnberg verschlug

Manche halten ihn für einen Nachfahren Antonin Dvorak, einfach weil der Name ähnlich klingt. Aber der Nürnberger heißt nicht Dvorak, sondern Jean-Francois Drozak. Und er stammt auch nicht aus Böhmen, sondern aus Bayern oder, besser gesagt, aus Belgien oder, noch besser, aus Brasilien, und ein kleines bisschen aus Polen, so ganz genau weiß das der 35-jährige selbst nicht einmal.


Ich bin ein Nomadenkind“, erzählt Drozak, „aufgewachsen zwischen den verschiedensten Welten“. Die Soziologie hat für Menschen, die während ihrer Kindheit und Jugend oft umgezogen sind und dabei die Kultur oft gewechselt haben, bereits einen neuen Begriff: Sie sind so genannte Third Culture Kids (TCKs), Drittkultur-Kinder.

Dieser Ausdruck dürfte nur auf wenige so vortrefflich passen wie auf Jean-Francois Drozak. Wenn der sympathische Theaterpädagoge die verschiedenen Stationen seines Lebens aufzählt, verliert nicht nur der Zuhörer leicht den Überblick. Geboren wurde er in Sao Paulo, als Sohn einer brasilianischen Mutter und eines belgischen Vaters. Dieser war von Belgien nach Brasilien ausgewandert, um der Wehrpflicht in seiner Heimat zu entgehen. Dessen Vater wiederum, der Großvater von Jean-Francois, war ursprünglich Pole, den es aus Abenteuerlust nach Belgien verschlagen hatte. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges machte die Rückkehr unmöglich, er blieb in Belgien und gründete eine Familie. Der ungewöhnliche Nachname, Drozak, geht noch auf ihn zurück.

Als Jean-Francois, der älteste Sohn, fünf ist, zieht die Familie nach Brüssel: Die Mutter, eine begabte Physikerin, wird von der brasilianischen Regierung als Doktorandin in die belgische Hauptstadt geschickt, einige Jahre später soll sie sich am Max-Planck-Institut in Garching auf den neuesten Forschungsstand bringen – vor allem was Kernkraft und Energietechnologien angeht.

Jean- Francois ist zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt, spricht drei Sprachen, aber keine richtig. Die bedenklichen Folgen dieses auf den ersten Blick spannenden Vagabundenlebens spürt der Heranwachsende schnell: Die Leistungen in seiner Münchner Grundschule lassen zu wünschen übrig – aber nicht, weil Jean-Francois weniger intelligent ist, sondern weil er aufgrund sprachlicher Probleme dem Unterricht nicht folgen kann.

Defizite des deutschen Bildungssystems
Die Defizite des deutschen Bildungssystems bekommt er am eigenen Leib zu spüren: er wird von Mitschülern und Lehrern allein gelassen; für viele Kinder und deren Eltern ist er der Ausländerjunge, mit dem man nicht spielt. Er lernt andere Migrantenkinder kennen, die sich ähnlich hart tun wie er. Der Unterschied: Seine Eltern erkennen das Problem und geben ihn auf eine Privatschule. „Wenn sie das nicht getan hätten“, vermutet Jean-Francois Drozak, „wäre ich sicherlich nicht so weit gekommen“. Denn in dieser Einrichtung fühlt er sich in einer Art interkulturellem Schutzraum geborgen, die Pädagogen versuchen, die Kinder individuell zu fördern. Das Angebot fruchtet: Jean-Francois schafft das Abitur, zieht nach Nürnberg und studiert an der Evangelischen Fachhochschule Sozialpädagogik.

Seit drei Jahren nun hat der Theaterpädagoge und Regisseur in der Rothenburger Straße seine eigene Agentur. Dass auch heute noch, bei seiner Arbeit, die Themen oft um Migration und Integration drehen, ist klar. Zu sehr haben ihn seine eigenen Erfahrungen geprägt. Eine feste Anstellung strebe er nicht an, erzählt er; zu groß seien seine Neugierde und die Lust auf Neues: „ Der Wandel ist bei mir Routine“, sagt er und lächelt dabei wie ein Schelm.

Die Probleme, die ausländischstämmige Kinder der zweiten Generation heutzutage auch in Nürnberg haben, beobachtet er mit großer Sorge. Bei seiner Tätigkeit versucht er daher immer wieder, Jugendliche mit so genanntem Migrationshintergrund  in seine Arbeit einzubeziehen. „Ich nehme es ernst“, sagt er, „wenn Jugendliche sich nicht in Deutschland angekommen fühlen“.

Auf spielerische Weise will Drozak den Zugang zu Deutschland und eine größere Identifizierung mit dem Land, in dem sie leben, ermöglichen. Mit seinem neuen Projekt, das er gemeinsam mit dem Jugendmigrationsdienst der Caritas auf die Beine stellt, führt er im Februar ausländischstämmige Schüler der Dr. Theo-Schöller-Schule als „Touristen“ durch Nürnberg und die Region. Bepackt mit Koffer und Zahnbürste werden sie typisch deutsche Stätten besuchen, wie etwa das Staatstheater. „Ich zeige ihnen, dass auch dort viele Ausländer und Migranten arbeiten, genauso wie sie welche sind.“

Ein Höhepunkt dieser ungewöhnlichen Tour dürfte die Einkehr bei Drozaks Schwiegereltern sein, einer Familie im winzigen Hetzels in der Nähe von Neunkirchen am Brand – mit Schnitzel, Karpfen und allem, was dazu gehört. „Diese stammen ursprünglich auch nicht von dort“, sagt Drozak, „und brauchten 20 Jahre, um sich zu integrieren“.

Von Sharon Chaffin – NZ 10.11.09

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