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Ein Stück, das Mut erfordert – NN und NZ

17. Juni 2013

acht.acht.

Schüler des Förderzentrums Langwasser befassen sich mit Rechtsextremismus
Von Sabine Ebinger

Es ist kaum zu glauben; Ein Nürnberger Schulleiter verhindert  die Aufführung eines Schultheaters gegen Rechtsradikalismus, weil ihm das zu heikel ist. An einer anderen Schule trauen sich Jugendliche dagegen nicht, das Stück einzuüben. Derartige Berührungsängste hat man beim Sonderpädagogischen Förderzentrum Langwasser nicht: Das Stück „Acht.Acht“ feierte gestern Premiere.

„Zehn, neun, acht…“ zählt Jean-Francois Drozak im Theaterraum der Schule hinunter. Die Mädchen und Jungen auf der Bühne bereiten sich auf die Generalprobe vor, schweigen, warten auf sein Kommando. „ Eins!“ sagt der Theaterpädagoge von der Agentur Kunstdünger – und die Jugendlichen legen los.


Um die Kumpels Franz und Paul geht es in dem Stück – und wie Rechtsradikale versuchen, die Jugendlichen für sich zu gewinnen. Ute, eine  selbstbewusste Frau aus der Szene, spendiert Bier und wirbt  um ihre Gunst. Als die Jungen in einer dubiosen Kneipe landen und sich die Gäste dort mit dem rechten erhobenen Arm begrüßen, langt es Paul: er will weg.

Der 15.jährige Nick (alle Namen der Schüler geändert) spielt Paul: „Die Figur ist toll. Paul ist cool, weil  er sagt: Mit diesen Leuten will  ich nichts zu tun haben. „ Der 13-jährige Markus schlüpft in die Rolle von Franz, der langsam in die rechte Szene abdriftet: „Er ist leichtgläubig, er hat keinen Durchblick.“

Mitschülerin Lisa spielt überzeugend die rechtsradikale Ute – sie reißt rassistische Sprüche, stößt Beleidigungen aus und wird laut, wenn ihr etwas nicht passt. Doch dieser Part habe sie Überwindung gekostet: „ Diese Ausdrücke! Am Anfang war es doof, so schlimme Sachen zu sagen.“ Bewusst habe man sich hier für ein Mädchen als Vertreterin de rechten Szene entschieden, so Drozak: „Vor einigen Jahren dachte man noch, die Rolle der Frau in der Szene ist untergeordnet – doch es zeigt sich, dass dem nicht so ist. Das hat sich gewandelt.“

Gefährliche Botschaften
Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Diözesanverband Banberg, hat mit Jean-Francois Drozak das Theaterstück „Acht.Acht“ auf die Beine gestellt. Seit fünf Jahren besucht Drozak Schulen in Deutschland, studiert mit den Jugendlichen das Stück ein, koordiniert die Aufführung. Nicht nur in der Stadt, auch auf dem flachen Land sind braune Verführer auf der Suche nach Nachwuchs. Michael Ziegler,  Bildungsreferent beim BDKJ Nürnberg, meint: „In machen ländlichen Regionen wird die Infrastruktur abgebaut, die Jugendarbeit wird immer weniger unterstützt: Hier besteht die Gefahr, dass Rechtsextreme junge Leute für sich gewinnen.“

Rechtsradikalismus ist immer noch ein undankbares, ein unangenehmes Thema – sogar so mancher Pädagoge verdrängt hier das Problem, wie SPD-Stadtrat Ziegler berichtet. So habe sich der Religionslehrer an einem Nürnberger Gymnasium interessiert gezeigt. Die Vorbereitungen liefen, man war sich einig. Plötzlich  schaltete sich die Schulleitung ein: „Der Direktor hat das Projekt  mit merkwürdigen Begründung gekippt.“ Er wollte nicht, dass seine Schule mit dem Thema in Verbindung gebracht wird.

Inge Döllinger, Schulleiterin am Sonderpädagogischen Förderzentrum Langwasser, kann darüber nur den Kopf schütteln: „Rechtsradikalismus ist bei uns kein offensichtliches Problem. Das ist gerade das Schlimme. Sie will die Schüler stark und selbstbewusst machen. Rassistische Schmierereien an Wänden, Handzettel mit gefährlichen Botschaften vor der Schule oder Neonazis, die im Stadtteil – vergeblich – einen Treffen etablieren möchten: „Ich denke, dass wir in der Schule   wachsam sein müssen.“

Der Theaterpädagoge Jean- Francois Drozak freut sich über die gute Zusammenarbeit mit Inge Döllinger, doch bedauert er: „Die Tragödie ist eigentlich, dass gerade diese Schule ein solches Theaterprojekt am wenigstens braucht.“ Wenn er das Theaterstück „Acht.Acht“ vorstellt, dann hört an den Schulen oft: „Wollen wir nicht etwas anderes machen?“

Doch auch beim  Sonderpädagogischen  Förderzentrum Lanwasser gilt: Viele kleine Mosaiksteinchen zeigen, wie heikel das Thema ist. Die Gesichter der jungen Schauspieler dürfen nicht fotografiert werden. Drozak besteht  zudem darauf, dass die richtigen Namen der Schüler nicht genannt werden. Bei der gestrigen Premiere wurden die Gäste kontrolliert – bei einer Schulaufführung  eher ungewöhnlich.

Drozak weiß, wie bedrohlich die rechtsradikale Szene ist. Die nächste Aufführung ist in einer Kleinstadt in Mecklenburg – Vorpommern geplant: Die Lehrer sind mit im Boot, die Planungen abgeschlossen. Es fehlen nur die  jungen Schauspieler. „Die Jugendlichen ziehen nicht mit, weil sie Angst  vor den Rechten haben.

Das Stück „Acht.Acht“ wendet sich gegen Intoleranz: Jean-Francois Drozak (re.) mit Schülern von Sonderpädagogischen Förderzentrum Langwasser bei der Generalprobe.
Foto: Iannicelli.

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