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Die NZ Kolumne – VIVA statt FIFA

5. Oktober 2014

Brasilien

Die Fußball-WM startet heute und Jean-Francois Drozak hat allen Grund, optimistisch zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass er im Finale am 13.<ET>Juli jubeln darf, ist bei ihm viel höher als bei den meisten Nürnbergern. Der 40-Jährige hat gleich drei Staatsangehörigkeiten: er ist Deutscher, Belgier und Brasilianer. „Und ich werde für alle drei Fußball-Mannschaften mitfiebern“, verrät Drozak.


Seine drei Pässe hat der Nürnberger seiner Biografie zu verdanken, die durchaus bewegend ist – und das ist wörtlich zu nehmen. Geboren als Sohn einer Brasilianerin und eines Belgiers in Sao Paulo, wanderte er im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern in die Heimat seines Vaters aus, der Mutter wegen. Für die Physikerin eröffneten sich damals hoffnungsvolle berufliche Perspektiven in Belgien. Nach einigen Jahren führte der berufliche Weg die Mutter samt Familie nach München, was zur Folge hatte, dass Drozak heute ist, was er ist. „Ich bin ein belgo-brasilianischer Bayer, der in Nürnberg zu Hause ist“, sagt lächelnd der Mann.

Fußball spielt in seinem Leben nur bei internationalen Ereignissen eine Rolle. Seine Leidenschaft gilt der Kultur. Und das kann er in Nürnberg gut leben. Hier hat er neben seinem Sozialpädagogik-Studium das Handwerk eines Theaterpädagogen gelernt und gründete vor 13 Jahren die Agentur für Kulturdesign „Kunstdünger“. Mit verschiedenen Theater- und Kulturprojekten ist er deutschland- und europaweit unterwegs und hat in seiner Arbeit wichtige gesellschaftliche Themen stets im Fokus.

Bei seiner Reise durch Brasilien war es auch nicht anders, wobei es sich dabei weniger um die Arbeit als um das Wiedersehen und das neu Entdecken der alten Heimat ging. „Ich war sieben Jahre nicht in Brasilien und da hat sich einiges getan“, stellt Drozak fest. „Dem Land geht es besser als noch vor einem Jahrzehnt.“

Was den Nürnberger besonders freut: „Die jungen Brasilianer sind jetzt selbstbewusste Menschen, die sich mit Politik beschäftigen.“ Etwa 30 Jahre nach der Diktatur dort „bricht etwas aus und es gibt einen großen Bedarf an Diskussion“. Es sind auch vor allem junge Menschen, die nach Meinung von Drozak, frei von Ängsten auf die Straße zum Demonstrieren gehen. Oft ging es dabei in der letzten Zeit um die Fußball-WM und deren Auswirkungen auf Brasilien. Dass die Brasilianer demonstrieren, findet der Kulturschaffende grundsätzlich positiv: „Das ist ein Ausdruck der Demokratie.“ Er weiß aber auch: „Die WM-Kritik ist genauso heterogen, wie die politische Situation in Brasilien.“

Manche Kritik ist verständlich und berechtigt, so Drozak: „Die Fifa ist im Land, aber nicht für das Land. Menschen spüren das.“ Doch die Darstellung der Proteste in den deutschen Medien fand er etwas zugespitzt: „Medien dramatisieren gerne. In ihrem Fokus sind oft die Kravallmacher, aber wer durch Brasilien reist, der erlebt das nicht.“
Auch wenn es nach Beobachtung von Drozak dem Land besser geht, steht Brasilien vor einigen Herausforderungen. So hält der Nürnberger die Aufarbeitung der Militärdiktatur, die Brasilien bis Mitte der 80er Jahre prägte, für eine der wichtigsten Aufgaben. „Die diktatorische Strukturenherrschen inofiziell immer noch“, kritisiert er. Auch das Bildungssystem, in dem — nach dem US-amerikanischen Modell — vor allem Reiche zum Zuge kommen, ist ein Problem. „Das muss angegangen werden.“

Für die Armen aber wurde in den vergangenen Jahren einiges getan, findet Drozak: „Der Staat ist sozialer geworden.“ Doch die eingeführte Sozialhilfe, etwa 300 Euro, die gerade nur so zum Überleben reicht, stößt nicht bei jedem auf ein Wohlwollen. „Viele Leute sind dagegen, weil sie meinen, es würde die Betroffenen demotivieren, sich eine Arbeit zu suchen.“

Vom November bis März war der Theaterpädagoge mit seiner Familie im Süden von Brasilien unterwegs und befand sich somit nicht auf den eingetretenen Pfaden. „Der südliche Teil wird meistens von Touristen ignoriert“, so Drozak. Er wollte „einen Teil von Brasilien erleben, den ich noch nicht gesehen habe“. Dabei hat Drozak viel erlebt und kann nun so manche falsche Vorstellung von Brasilien ausräumen: „Ein Brasilianer, der nicht gerade reich ist, muss hart arbeiten: 10 bis 12 Stunden am Tag.“

Angetan war der Nürnberger von der offener Art der Brasilianer, über ihre Spiritualität zu sprechen. „Miteinander zu beten ist dort etwas ganz Normales, bei uns dagegen etwas ganz Privates und Intimes.“ Ebenso toll, wenn auch allen bekannt, fand Drozak das sonnige Wetter in dem südamerikanischen Land.

Und was ist nun mit dem Fußball? Wird bei Brasilianern, trotz ihrer gemischten Gefühle, das WM-Fieber nun doch ausbrechen? „Mein Freund Gustavo sagt, sobald es angepfiffen wird, wird es laut und lustig. Die Brasilianer sind viel zu fröhlich, um sich das entgehen zu lassen“, zieht Drozak das Fazit.

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