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Deutschlands ältestes Castingteam

14. Juni 2020


Pensionierte Lehrkräfte zur Unterstützung gesucht

Moderne Schatzsucher sitzen in Jurys. So wie Dieter Bohlen und Kollegen, die wieder landauf, landab Deutschlands nächsten Superstar und Deutschlands nächstes Supertalent suchen. Aber wehe, einem verschlägt es die Stimme oder sein Talent ist nur mittelmäßig. Die Kandidaten werden in so einem Fall von Bohlen mit Sprüchen wie „Ich könnte dich in meinem Garten vergraben, als Kompost für die Blumen“ oder „Das ist fast aktive Sterbehilfe, wenn du singst“ verbal abgewatscht und gedemütigt. Dass es auch anders geht, beweist Deutschlands wohl ältestes Castingteam, das Regisseur Jean-François Drozak aufgestellt hat. Sein Team besteht aus pensionierten Lehrkräften im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Seit zehn Jahren gehört zum Beispiel das Ehepaar Zwinscher dazu. Da das Team erweitert werden soll, sucht Drozak nun nach pensionierten Lehrkräften aus ganz Bayern, die auf Talentsuche gehen möchten und definitiv mehr Mitgefühl zeigen als Dieter Bohlen und seine Kollegen.

Dieter Bohlen und Casting-Ehepaar Amrie und Hanns-Karl Zwinscher trennen Welten. Während Bohlen seine Bewerber mit Sprüchen wie „wenn du deine Stimme zwischen zwei Mülltonnen stellst, können wir da ’n schönes Familienfoto von machen“ beleidigt, tritt das Ehepaar Zwinscher ihren Kandidaten mit Respekt entgegen. Zum Beispiel ein Mädchen aus der sechsten Klasse einer Nürnberger Mittelschule. Schüchtern steht sie vor dem Ehepaar und ihre Hände wissen nicht wohin. Leise beginnt sie zu sprechen. Amrie Zwinscher unterbricht sie. „Lauter, du hast doch was zu sagen“, ermutigt sie die Schülerin, Hanns-Karl Zwinscher schenkt dem Mädchen ein aufmunterndes Lächeln. Das Mädchen fasst neuen Mut und der zweite Anlauf klappt besser. Die Schülerin wirkt erleichtert und stolz.

Ob es für eine Rolle im Schultheaterstück von Jean-François Drozak reicht, ist noch offen. Aber dem Nürnberger Theaterregisseur ist es wichtig, dass der Mut der Schüler, sich einem Casting zu unterziehen, auch belohnt wird. „Nicht wenige junge Menschen versprechen sich von gängigen Castingshows Anerkennung und bewerben sich. Diese sind allerdings dafür bekannt, dass sie mit den Teilnehmern nicht zimperlich umgehen. Vor laufender Kamera sind abwertende oder gar beleidigende Aussagen über die Qualität der Bewerber nicht unüblich. Dementsprechend ist das Ganze für die Teilnehmer eine psychische Belastung“, weiß Drozak. Er will aber mit seinen Schultheaterprojekten keine Schüler brechen, sondern sie stark fürs Leben machen. Gastiert er an einer Schule in Bayern, probt er in vier Tagen ein Theaterstück ein. Manchmal geht es darin um Depressionen, Drogen oder Aids, im Angebot hat er auch Stücke über Kinderarmut, Energiewende, Berufsberatung oder Migration. Wenn am fünften Tag die Aufführung des Stücks ist, sollen alle Beteiligten gestärkt daraus hervorgehen, entweder als Darsteller, die eine neue Seite an sich entdeckt haben, oder als Zuschauer, weil sie durch das Stück eine neue Sicht auf ein Thema gewonnen haben.

Ein Casting à la Dieter Bohlen sei da kontraproduktiv und fehl am Platze. Das sei von Anfang an seine Überzeugung gewesen, sagt Drozak. Als er allerdings als 32-Jähriger mit den Castings an Schulen angefangen hat, merkte er schnell: Viele Schüler waren skeptisch und gehemmt, als sie das Wort „Casting“ hörten. „Unsere Jugendlichen sind mit TV-Castings in Bohlen-Manier aufgewachsen. Viele fürchten sich deshalb vor einer niederschmetternden Kritik und öffnen sich nicht“, so die Erfahrung des Regisseurs. Dabei ist es ihm ein Anliegen, nicht nur mit Schauspieltalenten ein Bühnenstück zu realisieren, sondern auch Rohdiamanten aufzuspüren und auch schüchternen Jugendlichen eine Chance zu geben. Aber wie kann man das Vertrauen gerade der schüchternen Schüler gewinnen?

Die Antwort lieferte dem heute 44-Jährigen das Ehepaar Zwinscher zufällig. Als die Grund- und Hauptschullehrerin und der ehemalige Lehrer einer Wirtschaftsschule in Pension gingen, bot ihnen Drozak an, für ihn Castings zu übernehmen. Im Jahr realisiert er ca. 30 Theaterprojekte. Die Auslagerung der Castings war für ihn eine große Hilfe. Und siehe da: Für ein Casting beim Ehepaar Zwinscher meldeten sich auf Anhieb doppelt so viele Schüler wie beim Regisseur. Und das jedes Mal. „Ich denke, zu einem Großelternpaar fassen Schüler schneller Vertrauen als zu einem Agenturchef, trauen sich eher aus sich heraus, zeigen sich so, wie sie sind. Bei einem 30-, 40-jährigen Regisseur erwarten viele Schüler vielleicht eine härtere Kritik oder eine niederschmetternde Bewertung. Nicht aber bei Senioren“, meint Drozak. Für ihn ist die Zusammenarbeit mit dem Ehepaar Zwinscher ein Segen.

„Wir haben auch nicht lange überlegt“, erinnert sich Hanns-Karl. In seiner aktiven Dienstzeit an einer Erlanger Wirtschaftsschule sei Drozak bei ihm an der Schule gewesen, um mit Schülern ein Theaterstück einzustudieren. „Da parallel noch weitere Projekte an der Schule angeboten wurden, blieben für unser Theaterprojekt – da die Finanzierung nicht gleich stand – nur noch leistungsschwache Schüler übrig. Aber Jean-François weckte auch in diesen Schülern Talente, die mir bislang verborgen geblieben waren. Aus schüchternen Kindern wurden im Laufe des Projekts selbstbewusste. Es war für mich als Lehrer sehr schön zu sehen, wie die Schüler sich während des Projektes in ihrer Persönlichkeit anhaltend positiv veränderten.“ Die neue Rolle als Castingteam war anfangs etwas ungewohnt für das Ehepaar. „Erfahrungen mit dem Theater hatten wir zunächst nicht, aber unsere pädagogisch-schulische Erfahrung ließ uns nicht im Stich. Nach wenigen Malen hatten wir eine gewisse Routine. Mit der Zeit haben wir ein gewisses Schema entwickelt, an das wir uns im Allgemeinen halten, immer bereit, wenn es die Situation erfordert, es zu verändern und abzuwandeln“, erzählt Hanns-Karl. Daraus ist nun eine jahrelange Tätigkeit geworden. In den vergangenen zehn Jahren hat das Ehepaar etwa 300 Castings durchgeführt und dabei rund 10 000 Jugendliche konstruktiv und respektvoll bewertet.

Und so packt das Ehepaar seit zehn Jahren ihre Koffer, wenn Drozak ruft. „Für uns ist das eine schöne Abwechslung“, sagt Amrie. „So lerne ich wenigstens Bayern kennen“, sagt die gebürtige Cuxhavenerin, die mit ihrem Mann in Hetzles bei Forchheim wohnt. So war das Ehepaar schon in vielen großen und kleinen Städten Bayerns, zum Beispiel in Wiltenberg. „Da wären wir ehrlich gesagt so nie hingekommen.“ Liegt das Casting über einer Autostunde Fahrt entfernt, reist das Ehepaar einen Tag vorher ab, erkundet den Ort und genießt bei einem guten Essen den Abend. „Wir machen das Casting ehrenamtlich, aber die Verpflegung, die Fahrtkosten und die Übernachtung werden von Jean-François übernommen. Das ist uns Lohn genug“, so Hanns-Karl. „Es macht uns auch viel Spaß. Mein Mann und ich haben unseren Beruf und die Arbeit mit Kindern geliebt. Jetzt lernen wir die Schüler in einer neuen Rolle kennen. Wir wissen nicht, wie die schulischen Leistungen der Kinder sind, müssen keine Fehlersucher sein. Wir können die Schüler so nehmen, wie sie sind, ihnen etwas zutrauen und schließlich: Wir können ihnen in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit helfen. Schon als Grund- und Hauptschullehrerin war es mir wichtig, meinen Schülern ein gutes Rüstzeug an die Hand zu geben, um im Leben bestehen zu können. Ich bin dankbar, dass ich das weiterhin tun kann“, so Amrie.

In ihren Castings achten sie darauf, dass niemand bloßgestellt wird. Nachdem sie das Theaterprojekt in jeder Klasse vorgestellt haben, teilen sie die Bewerber in Gruppen ein. „Bei uns muss kein Schüler schauspielerisch etwas vorführen, wir führen mit den Schülern ein Gespräch. Da man am leichtesten über sich selbst reden kann, bitten wir die Schüler, sich vorzustellen. Immer wieder haken wir nach, um eventuell Besonderheiten des Jugendlichen festzustellen. Dabei achten wir nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf Tonlage und Lautstärke. Eine laute Stimme, eine gute Ausdrucksweise, ordentliches Benehmen und Durchhaltevermögen sollten die zukünftigen Schauspieler haben. Gemeinsam entscheiden wir im Anschluss, wer mitmachen darf. Da ist oft pädagogisches Geschick gefragt: Gibt man der schüchternen Alina eine Chance oder dem talentierten Ben, der allerdings etwas zu arrogant ist?“, schildert Amrie ihre Arbeit. „Die Schauspielerprofis an der Schule sind für uns nicht immer die erste Wahl. Wir geben oft auch dem talentierten Laien oder einem Schüchternen, der diese überwinden will, den Vorzug.“ Dieter Bohlen könnte von den Zwinschers noch eine Menge lernen.

Wer im ältesten Castingteam Deutschlands mitmachen möchte, ist herzlich willkommen. Erforderlich sind pädagogische Erfahrung und ein erweitertes Führungszeugnis. Theaterregisseur Jean-Francois Drozak und seine Agentur „Kunstdünger – die Agentur für Kulturdesign“ ist per Mail an drozak@kunstduenger-nuernberg.de oder per Telefon unter 0178/ 69 74 186 erreichbar.

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