- Carimigra& Pressespiegel+ ImmigrationKunstdünger
Der oder das Stühl? – NN

25. Februar 2012

109171029

Besonderes Theaterprojekt für Migranten an der AST – FORCHHEIM  –

Eine Deutschstunde der anderen Art gab es in der Adalbert-Stifter-Schule (AST) zu bestaunen: Vor einer vollbesetzten Aula zeigten acht Siebtklässler mit Migrationshintergrund das Stück „Jonas oder Der Künstler bei der Arbeit“ von Albert Camus und jonglierten dabei mit Personalpronomina, Präpositionen, Adjektiven und vielem mehr.

Wollt Ihr auch eine Quapp?“ „Ja, aber wir sollten dabei einen Quapp benutzen!“ Eine Reporterin kommt, die einen Bericht über den Künstler Jonas schreiben möchte. „Erzählen Sie doch mal über sich!“ „Oh, Sie sind aber eine schöne Quapp!“

Jeder, der sich schon mal in einer Fremdsprache verständigt hat, kennt die Situation: Man ist schön im Redefluss, doch plötzlich fehlt ein Wort. Man kommt ins Stocken. Bei den acht Schülern, die in der AST-Aula das Stück „Jonas“ spielen, heißt das unbekannte Wort „Quapp“. Die Zuschauer dürfen erraten, welches Wort gerade gemeint ist. „Quapp“ kann alles bedeuten: „Suppe“, „Löffel“, „Frau“ oder irgendetwas anderes.


Als Jonas anfängt, Bilder zu malen, wird er schnell berühmt. Er lässt sich auf die Spielregeln des Kunstbetriebs ein, verkauft seine Werke an einen Händler. Wie die meisten Helden des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus gerät auch Jonas in eine stupide Maschinerie, die Kreativität bleibt auf der Strecke, er wird einsam und depressiv. Die Reporterin erfährt, dass Jonas „keine Kritik vertragen kann, sehr viel rot malt, Tages- und Nachtlicht nicht unterscheiden kann und dass sein Vater Sex-Bücher herausgibt“. Am Ende zieht sich der Künstler zum Malen in eine Kiste zurück.

Die AST-Schüler – die meisten von ihnen sind türkischstämmig – richten ihren Blick vor allem auf die Feinheiten der deutschen Sprache: Stellt man seine Schuhe unter das Stuhl, unter das Spüle? Nein, sie wissen natürlich, dass man sie unter den Stuhl und unter die Spüle stellt.

Tücken der deutschen Sprache
Eingeübt haben die Schüler das Stück mit Theaterpädagoge Jean-Francois Drozak aus Nürnberg. Als „belgo-brasilianischer Bayer“, der mit zehn Jahren nach Deutschland kam, weiß er um die Tücken der deutschen Sprache. Die „Deutschlehrer ohne Beamtenstatus“, wie Drozak sie nennt, exerzieren nahezu alle grammatischen Erscheinungen der deutschen Sprache durch: das Personalpronomen (ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie), das Adjektiv („ein schöner Brief“, „ein scheußlicher Brief“, „ein beschissener Brief“), die Präposition.

Das bereits dritte derartige Theaterprojekt an der AST sponserte die Volksbank. Neben den Proben machte Drozak auch mehrere Ausflüge mit den Schülern, die fast alle aus muslimischen Familien kommen. Sie aßen in Forchheimer Gaststätten und stellten fest, dass es dort gar nicht so einfach ist, Gerichte ohne Schweinefleisch zu finden.

Sie besuchten eine Familie, die vor 30 Jahren von Hamburg nach Hetzles zog und sich immer noch schwer mit der Integration tut. Sie waren in einer evangelischen Kirche und stellten fest, dass sich auch Christen untereinander nicht immer einig sind. „Wir wollten diese Orte erobern und zeigen: Das sind auch unsere Orte!“, erklärt Drozak. Und sie probten eine Woche lang das Theaterstück, das sie nun aufführten. „Ich wollte mal was Neues ausprobieren“, erklären einige der Darsteller ihre Motivation. Einer meint: „Für mich war das Wichtigste, dass ich mich getraut habe, auf die Bühne zu gehen!“

Dieser Beitrag wurde unter - Carimigra, & Pressespiegel, + Immigration, Kunstdünger veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.