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Denn wir spüren Eure Angst

9. Juni 2010

acht-acht

Was ist das für ein Theaterstück, bei dem man von den Akteuren keine Fotos machen sollte? Was ist das für ein Stück, bei dem man die Sicherheit der Mitwirkenden im Blick haben muss? Bei dem den Verantwortlichen ein Stein vom Herzen fällt, wenn es keinen Kontakt mit der Polizei geben musste?

“Acht.Acht” – Der achte Buchstabe im Alphabet dient Neonazis zur Selbstdarstellung.Fünfhundert Menschen erreichten die Studierenden der Hofer Fachakademie mit dem Theaterstück “Acht.Acht” . Nach nur drei Tagen intensiver Erarbeitung mit dem Theaterpädagogen Jean Francois Drozak aus Nürnberg beeindruckten sie mit der Premiere ihre Dozenten und ihre Mitstudierenden.

Lisa und Anna, zwei sechzehnjährige Freundinnen, werden auf dem Schulhof von einer jungen Frau angesprochen. Sie schenkt den beiden eine CD mit rechtsextremen Songs. Anna nimmt die Angebote zu gemeinsamen Stadionbesuchen, dem Boxtraining und dem Kneipenbesuch dankbar an. Lisa distanziert sich. Die Freundschaft der beiden wird auf eine harte Probe gestellt.

Diese Entwicklung zeigen die Darsteller wie im Zeitraffer mit beeindruckender Intensität. Den Zuschauern bleibt das Lachen im Halse stecken, und das Geschrei rechtsnationaler menschenverachtender  Phrasen auf der Bühne verursacht so manchem eine sehr unangenehme Gänsehaut. Die vierzig Minuten dauernde Vorstellung wird für den Zuschauer zur Marter und bleibt ohne Happyend, wenn man davon absieht, dass das Glockengeläut die Gruppe der Rechtsextremen auseinander treibt und der Sprechchor verstummt. “Gewalt ist die einzige Form …….. Jean Francois Drozak versteht es meisterhaft, die jungen angehenden Erzieherinnen und Erzieher in einen Prozess mit hinein zu nehmen, bei dem sie selbst zu Entwicklern des Stückes werden. Er lässt sie selbst an Formulierungen arbeiten und gibt ihnen beispielhaft Stimmungen und Szenen vor, die sie selbst weiterentwickeln. Neben der Fähigkeit, in eine Rolle zu schlüpfen, die ihnen in der Realität so gar nicht entspricht, entdecken sie an sich selbst auch, dass sie über ihre Grenzen gehen können, was Mut und Engagement, Arbeitseinsatz und Geduld und sogar Sprechvermögen angeht.

Das gesamte Projekt wurde federführend vom BDKJ Bamberg begleitet und ist für die Hofer Fachakademie damit auch ein ökumenisches Projekt.. “Acht.Acht” ist speziell für Oberfranken ins Leben gerufen worden und wird u. a. von der Oberfrankenstiftung gefördert. Ein Teil der Dialoge und Statements sind Zitate aus Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der rechtsextremen Szene. Jean Francois Drozak von der Agentur “Kunstdünger” aus Nürnberg hat dieses Stück bereits mit einer Reihe von Hauptschülern und Jugendgruppen in ganz Oberfranken auf die Bühne gebracht. Der Prozess der Erarbeitung hat auf die Mitwirkenden und die Zuschauer so viele Facetten und Wirkungen, dass es unabdingbar ist, ständig zu reflektieren bzw. eine gute Nachbereitung für beide Gruppen anzubieten. Drozak konnte aus Hof wieder mehrere Anfragen mitnehmen; sahen das Stück doch neben dem stellvertretenden Hofer Bürgermeister Eberhard Siller auch der Hofer Kreisjugendamtsleiter Gerhard Zeitler, Kreisjugendpfleger Klaus Munzert, Schulrätin Christa Tschanett, der stellvertretende Landrat Alexander Eberl und viele andere wichtige Persönlichkeiten mehr.

Für die Akteure, die neben der Bühnenarbeit auch noch die aufwendigen Anforderungen der Filmarbeit kennen lernen konnten, wird es eine nachhaltige und unvergessliche  Erfahrung sein und bleiben. Sich in so völlig neuen Situation selbst wieder zu entdecken, dürfte für viele einmalig sein. Nach einer ereignisreichen und arbeitsintensiven Woche waren alle sehr erschöpft, aber auch zufrieden und reich an neuen Eindrücken und Erfahrungen.

Unterschiedlich waren vor allem die Eindrücke über das Publikum der drei Aufführungen. Bei der Premiere waren es die Mitstudierenden, bei der zweiten Aufführung die Öffentlichkeit mit vielen jungen Besucherinnen und Besuchern, aber auch mit vielen Erwachsenen, die aus persönlichem und beruflichem Interesse gekommen waren. Die dritte Aufführung fand vor 200 Schülern aus unterschiedlichen Schulen statt. Es war erkennbar, dass manche der jungen Menschen erstmals bei einem Theaterstück dabei waren. Die Reaktionen auf den Inhalt von “Acht.Acht” zeigten Wiedererkennen, Großspurigkeit, Hilflosigkeit und auch Sympathie für die ein oder die andere Seite. Zu hoffen ist, dass die Lehrer in den Klassen das Thema aufgreifen und gut nachbereiten.

Die Filmaufnahmen von “Acht.Acht” wurde von der Evangelischen Medienzentrale veranlasst und von Christian Heller technisch und organisatorisch angeleitet. Alle Mitwirkenden sind sehr gespannt auf die Fertigstellung des Films.
Unterrichtlich eingebunden war dieses Projekt in eine sogenannte “Übung”.  Übungen werden zu Beginn jedes Schuljahres als vertiefender Unterricht zu bestimmten Fächern aus einem umfassenden Angebotspool von den Studierenden gewählt. Die Teilnehmer kamen jahrgangsübergreifend aus allen Klassen und wurden von Diplom-Sozialpädagogin (FH) Nanne Wienands begleitet und betreut.

Die Gruppe erarbeitete im Vorfeld der eigentlichen Arbeit an dem Stück “Acht.Acht” auch die gesamte Öffentlichkeitsarbeit für die Aufführungen. Im Verlauf dieser Vorbereitung wurde für die interne Werbung das FAKS-Kino gegründet – mit abendlichen Filmvorführungen werden die Studierenden auch auf den besonderen Status der Hofer Fachakademie aufmerksam gemacht; sie ist “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage”. Die läutenden Glocken sind übrigens ein sehr lebendiges und lautes Element zu Erinnerung an die Glocken im unterfränkischen Miltenberg am Main, die als “Glocken gegen rechts” in die Annalen eingingen.

Pfarrer Ulrich Boom hat am 22. Juli 2006 die Glocken seiner katholischen Kirche läuten lassen, als sich die Anhänger der NPD auf dem Miltenberger Marktplatz versammelten. Sie verstanden ihre eigenen Worte nicht mehr und lösten die Versammlung nach zwanzig Minuten auf. Sie zeigten Pfarrer Boom an. Letztendlich bekam er den “Mutig-Preis 2006″ und im November 2009 das Bundesverdienstkreuz.

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