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Coatching einmal anders – Mainpost

23. April 2013

 

Die Erzieher im Jugendhilfezentrum Maria Schutz haben alle ihr Handwerk gelernt. Sie kennen die Theorien der Sozialpädagogik und wissen, wie man in der Praxis mit Kindern und Jugendlichen umgeht, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Trotzdem bleibt in den Betreuern immer eine kleine Unsicherheit zurück: Ist das, was sie glauben geben zu müssen, tatsächlich auch was die „Heimkinder“ benötigen?

Um diese Frage zu beantworten war zwei Tage lang Jean-Francois Drozak zu Besuch in der Einrichtung. Er ist Sozialpädagoge, Theatermacher – und ehemaliges Heimkind. Durch seine Erfahrungen in einem Heim bei München kann er die pädagogischen Theorien und Modelle der Jugendarbeit mit Leben füllen. Zum Beispiel, dass es allem voran wichtig ist, die Grundbedürfnisse der Kinder zu stillen. Das steht so in jedem Pädagogik-Lehrbuch.

Ausreichend Essen, Trinken und Schlaf in einer sicheren Umgebung – das ist nicht für alle Kinder selbstverständlich. Als Drozak damals ins Heim kam, war er für seine Geschwister der Ersatzvater gewesen, hatte irgendwie gelernt, Suppe zu kochen. Erst im Heim musste er nicht mehr selber Essen beschaffen. Was ihn erstmal völlig verwirrt hat. Bis es ihm Sicherheit gab. „Ich durfte wieder Kind sein“, sagt er heute.

Ein weiteres Thema: Regeln. Im Jugendhilfezentrum Maria Schutz gibt es klare Abläufe. Mittagessen um Punkt Zwölf, auf keinen Fall mit Straßenschuhen in den Schlafraum, keine Zigaretten und so weiter. Jeder weiß, was er darf und was nicht. Auf Außenstehende mögen die Strukturen kleinlich und streng wirken. Doch den Kindern und Jugendlichen geben sie Sicherheit, die sie bislang nicht gekannt haben.

Und den Erziehern gibt Sicherheit, dass Drozak das aufgrund seiner persönlichen Erfahrung bestätigt.

Durch die klare Struktur hätte er sich erst entfalten können, weil er den Kopf dazu frei hatte. „Wenn mal Regeln geändert werden sollten, war ich derjenige, der total konservativ war.“

Im Rückblick beurteilt Drozak seine Zeit im Heim sehr positiv. Das zu verbreiten, liegt ihm am Herzen. Die sogenannte Supervision bei den Betreuern der Wohngruppe für zwölf- bis 15-jährige Jungen ist ein Schritt dorthin.

Gemeinsam mit Maria-Schutz-Gesamtleiter Andreas Waldenmeier hat Drozak das Konzept entwickelt, die zwei Tage in Grafenrheinfeld sind nun der Testballon. „Wir wollten einfach mal nicht noch einen ,Fachidioten‘ einladen, sondern eine authentische Person“, erklärt Drozak. Er hoffe, „dass sich ehemalige Heimkinder zusammenrotten und daraus eine Bewegung entsteht.“

Denn in den Medien steht die Jugendhilfe oft nicht gut da. Häufig muss über vor vielen Jahren geschehene Übergriffe und Gewalt durch Betreuer berichtet werden.

Drozak findet, dass „durch die Aufarbeitung der Vergangenheit ein sehr negatives Bild entsteht“. Dabei hätte sich in den Heimen in den vergangenen 30 Jahren enorm viel getan.

So wie auch in Maria Schutz. Vor gut zwei Jahren kam heraus, dass es hier massive Gewalt gegeben hat. Zur Zeit der Übergriffe hieß das Heim noch „Marienpflege“ und wurde von den „Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ betrieben, ehe es 1970 an die Caritas überging. Insbesondere eine der Schwestern, die mittlerweile verstorben ist, hat nach den Aussagen mehrerer ehemaliger Heimkinder viele ihrer Schutzbefohlenen brutal mit dem Rohrstock verprügelt.

Die heutige Führung um Andreas Waldenmeier bemüht sich um die Aufarbeitung dieser Vergangenheit, geht offen damit um. „Auch deshalb machen wir Aktionen wie die Supervision mit Herrn Drozak“, sagt Waldenmeier.

Von unserem Redaktionsmitglied Nike Bodenbach

Erschienen in der Mainpost am Donnerstag, 25.01.2013

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