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Boals Erben – Marco Schrade – TF

12. Mai 2013

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Jean-Francois Drozak hat eine lange Wanderung hinter sich. Der gebürtige Brasilianer wuchs auf in der Belgien und in Bayern. Diese „drei Bs“ im Allgemeinen prägten ihn ebenso wie seine Schulstationen: Er besuchte eine Privatschule, ein Gymnasium, eine Hauptschule und irgendwann auch die evangelische Fachhochschule in Nürnberg, wo er Sozialpädagogik studierte und sich auch zum Theaterpädagogen ausbilden ließ.

Liest sich seine Biographie noch etwas rastlos, so hat Drozak mittlerweile Wurzeln geschlagen. In der Rothenburger Straße rief er die Agentur Kunstdünger ins Leben, die sich mit vielfältigen Ausstellungen und Projekten, ja selbst Barabenden künstlerischen Themen widmet. Und schließlich gehört das Theater zu Drozaks Passionen. Für Schiller war die Bühne „die Bretter, die die Welt bedeuten“. Für Drozak ist sie der Ort, an dem er nicht nur sich selbst austobt – sondern als Pädagoge Jugendlichen künstlerisches Verständnis, Mut und Selbstvertrauen einimpft.

Wie schon Augusto Boal, dem „Bertolt Brecht Lateinamerikas“, geht es Jean-Francois Drozak vor allem darum, denjenigen eine Stimme zu geben, die sonst stumm bleiben. Weil ihnen kein Forum geboten wird, sie diskriminiert werden, oder weil das, was sie eigentlich zu sagen hätten, in einem etwas Foucaultschen Sinne marginalisiert ist. Drozak hat mit vielen Jugendlichen gearbeitet, in aller Regel mit Erfolg. Im Gespräch mit ihm erahnt man, woran das liegen könnte. Drozak spricht voller Überzeugung und überzeugend, sein Elan ist ansteckend. Und so nimmt es auch nicht wunder, dass sein jüngstes Theaterprojekt, das als „Vier im Weckla“ auf die Bühne ging, in der Insel Schütt-Schule ein sehr schönes Ende fand.
Im Rahmen des lokalen Aktionsplans des Bundesprogramms „Toleranz fördern, Kompetenz stärken“ arbeitete Drozak mit sieben Jugendlichen mit Migrationshintergrund von ebenjener Grund- und Mittelschule zusammen. Was er und seine Schützlinge auf die Bühne brachten, stand abermals in der künstlerischen Tradition Boals: Sie zeigten Playback-Theater. Theater also, das die Biografien „ganz normaler“ Menschen aufgreift und sie szenisch auf die Bühne bringt. Um so zu zeigen, dass auch im „Normalen“ stets das „Besondere“ steckt.

Zwei Aufführungen am 27. und am 28. September boten den Rahmen für jenes Besondere. Vier Mitglieder des Nürnberger Integrationsrates stellten sich als Erzähler zur Verfügung: Cooper Thompson, Lemia Yiyit, Gustavo Rodriguez und Maria Gorelova lieferten lustige Anekdoten und Nachdenkliches, über das Ankommen im so fremden Deutschland oder die bedrückenden Erfahrungen als Jugendlicher in einem franquistischen Internat zur Zeit der spanischen Diktatur. Insgesamt acht Geschichten und Visionen setzten die Schüler erst vor einem öffentlichen Publikum aus rund 50 Besuchern und schließlich in einer voll besetzten Aula vor ihren Freunden und Klassenkameraden um.

Drozaks Schüler lernten dabei mehrerlei: Der Erfahrungsschatz der Älteren ist ein wichtiges Erbe, das ebenso erzählenswert ist, wie die Geschichten der „Reichen und Schönen“. Und was für ihre Mütter, Väter, Tanten, Großeltern, Bekannten, Freunde gilt, gilt auch für sie selbst. Auch was sie empfinden, erfahren und zu sagen haben, ist es wert, artikuliert und gehört zu werden.

Im Mittelpunkt des Theaterprojekts stand zuletzt aber Folgendes: Wenn es, wie Marx einst schrieb, „darum geht, die Welt zu verändern“, so demonstrierten die Geschichten der vier Erzähler: Engagement ist immer möglich, sogar in einer Diktatur und sogar dann, wenn man als Jugendlicher nicht nur einmal das Gefühl hat, mit seinen Sorgen und Problemen kein Gehör zu finden.

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