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Besuch im deutschen Wohnzimmer – NN

16. April 2012

caritas

Theaterprojekt: Migrantenkinder suchen Orte auf, an denen sie noch nicht waren

Nürnberg  – Schüler mit Migrationshintergrund können nicht richtig Deutsch? Dass sie es sehr wohl können, beweisen die Siebtklässler aus der Mittelschule St. Leonhard in einem Theaterprojekt. „Deutsches Theater für Anfänger“ lautet der Titel. Doch was dahintersteckt, ist noch viel mehr als ein bisschen Schauspielerei!

Sieben Schüler sitzen in einem Wohnzimmer in dem kleinen Ort Hetzles bei Neunkirchen am Brand, trinken Früchtetee und essen Kuchen. Saib, Alex, Corina, Martin, Maide, Sawen, Marko, Aleyna und Sejdzan sind zu Besuch bei der Familie Zwinscher. Doch was hat das Sitzen in einem Wohnzimmer mit Theater zu tun? Eine berechtigte Frage. Das Projekt „CariMigra-Reisen“ und „Das deutsche Theater für Anfänger“ ist eine Kooperation der Caritas Nürnberg und dem Theaterpädagogen Jean-Francois Drozak von der Kulturagentur Kunstdünger für Migrantenkinder.

Stadt neu kennenlernen
Die teilnehmenden Schüler sollen ihre Stadt neu kennenlernen und sich mit anderen Migranten darüber austauschen, inwieweit Deutschland ihre Heimat ist. Das geht so: In der ersten von zwei Wochen proben die Schüler vormittags ihr Theaterstück und nachmittags unternehmen sie Ausflüge. Aber fangen wir beim Stück an.

Die Siebtklässler spielen „Jonas oder der Künstler bei der Arbeit“ von Albert Camus. Jonas ist Familienvater und Künstler. Seine Gemälde sind so gut, dass er immer berühmter wird. Die Kehrseite des Erfolgs ist, dass der Maler weniger Zeit zum Malen findet.

Während des Stücks beziehen die Schauspieler immer wieder das Publikum mit ein, indem sie Fragen zur deutschen Grammatik stellen. Was ist ein Personalpronomen? Oder was ist eine Präposition? Die Schüler, deren Eltern aus Kroatien, der Türkei, Mazedonien oder Togo stammen, wollen damit die Vorurteile der Deutschen widerlegen, dass Migranten kein Deutsch können. Größtenteils sind die Siebtklässler in Deutschland geboren und voll integriert. Nur an ein paar Sprachfeinheiten hapert es noch.

Bei ihren Ausflügen am Nachmittag lernten die Jugendlichen einige Leute kennen. Zum Beispiel ein Mitglied aus dem Integrationsrat: Cooper Thompson aus den USA. Er mag zwar keine Knödel und kocht nur Essen, das er aus seiner Heimat kennt. Doch er fühlt sich in Nürnberg wohl – weil er hier Freunde gefunden hat und anderen Leuten helfen möchte, besser zurechtzukommen.

In einer Stadtratssitzung sind die Migrantenkinder auch auf die NeonaziStadträte gestoßen, die vom Publikum ausgebuht und während ihrer Rede ignoriert wurden. Dieses Verhalten fanden die Schüler gut, weil die „Deutschen für Ausländer und gegen Neonazis“ sind. Es war aber auch „unhöflich, weil ihnen niemand zuhörte“.

Jetzt kommen wir zurück ins Wohnzimmer. Dort haben die Siebtklässler Amrie und Hanns-Karl Zwinschers Geschichte gehört. Das Ehepaar kam vor 35 Jahren von Hamburg nach Hetzles, hat über ein halbes Jahr gebraucht, um einen Job zu finden – und fühlt sich erst jetzt richtig akzeptiert.

Deutsche sind Fremde
„Im Dorf waren alle verwandt, wir kamen uns damals vor wie Ausländer“, erzählt Amrie Zwinscher. Meist waren die Neubürger untereinander, also diejenigen, die neu ins Dorf kamen. Mit der Zeit hat sich die dreifache Mutter aber in Hetzles engagiert und dann haben auch die alten Bewohner versucht, sie kennenzulernen.

Ich kann das gar nicht glauben. Deutsch ist doch deutsch“, sagt Martin. Marko findet die Geschichte traurig und auch Sejdzan findet es schade, dass nicht nur Ausländer dieses Problem haben, sondern auch Deutsche. „Jeder hat Vorurteile. Gegen Ausländer, gegen Deutsche, gegen Jeden“, bringt es Aleyna auf den Punkt.

Wollt ihr sehen, wie toll die Migrantenkinder Deutsch können? Das Stück wird am Donnerstag um 19 Uhr in der Turnhalle der St.-Leonhard-Mittelschule aufgeführt. Der Eintritt ist frei!

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