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Berufsberatung auf der Theaterbühne – PP 4.3

25. Juni 2015

Zähneputztraining

Neuhaus am Inn. Sie haben alle schon ein wenig „Bühnenerfahrung“, die acht Schülerinnen und Schüler aus der Klasse 8c an der Maria Ward Realschule in Neuhaus. Aber diesmal ist alles ganz anders als beim Schultheater, diesmal geht es darum, auch eine Rolle zu erarbeiten, sich in den ganzen Inhalt des Stücks hineinzudenken und vor allem auch hineinzufühlen. Das wird für eine gewaltige Herausforderung, die aber auch Spaß macht. Jean-Francois Drozak, ein erfahrener Theaterpädagoge, hat die Regie fest in der Hand.

„Herzwerker“ heißt das Theaterprojekt, mit dem der  Caritasverband der Diözese Passau und das Bayerische  Sozialministerium zeigen wollen, wie wichtig und wertvoll soziale Berufe, etwa als Erzieher oder Erzieherin in einer Kindertagesstätte, als Pflegende in Seniorenheimen oder als Betreuer und fachkundige Begleiter für Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung sind. „Herzwerker“ – das sind „Handwerker“, die ihren Beruf von Grund auf lernen, sich in diesen Beruf hineinleben, die diesen Beruf in den Dienst der Menschen stellen, die auf Hilfe angewiesen sind.

Vier „Fachleute“ der Caritas haben den Schülern viel erzählt, wie ihre Berufe zur „Lebensaufgabe“ werden, wie sie den ihnen anvertrauten Menschen zu einem guten Leben helfen können: Gabriele Fuchs vom heilpädagogischen Dienst in der Werkstätte für Behinderte in Pocking, Carsten Kraus und Simon Oberleitner, Heilerziehungspfleger in der Heilpädagogischen Tagesstätte St. Ulrich in Pocking, Angelika Zauner, Leiterin des Kindergartens in Neuhaus und Peter Stöckle, Altenpfleger im Seniorenheim St. Gisela in Waldkirchen gaben bewegende Einblicke in ihre Tätigkeiten mit den Menschen und für die Menschen. Ihre wahren Geschichten aus dem Alltag wurden von den Schülern zusammen mit Jean-Francois Drozak  auf die Bühne der Maria Ward Realschule gebracht, Geschichten von Menschen, die dafür sorgen, dass, so Drozak, „sich Bayern solidarisch nennen darf“.

So entstanden Szenen, die den Alltag in einer Kindertagesstätte, einer Senioren- oder Behinderteneinrichtung darstellen. Die jungen Schauspieler mussten in zwei Rollen schlüpfen, einmal den Betreuenden, einmal den Betreuten spielen. Schwierig und spannend, so erzählt Jonas Graup, denn die Rolle eines Menschen mit Behinderung muss authentisch und ehrlich sein: Wie ist es, wenn jemand lernen muss, wie das Zähneputzen geht, wenn jemand jede Bewegung vormachen muss? Und wie ist es, wenn Menschen mit Behinderung in einem Café sitzen? Für den Heilerziehungspfleger Carsten Kraus war das die Erfahrung seines Lebens: Er arbeitete zuvor auf dem Bau. Aber er spürte in seinem neuen Beruf, dass seine Arbeit für und mit Menschen mit Behinderung Respekt und Anerkennung fand. Menschen mit Behinderung in einem würdevollen Miteinander fördern, aber auch Grenzen anerkennen, das ist die Gratwanderung, die alle Heilerziehungspfleger erleben. Wichtig sei es, den Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe zu begegnen – und dies zeigten auch die jungen Schauspieler eindrucksvoll in ihren Spielszenen. Der Beruf des Heilerziehers, der auch im Dienst der Caritas im Blick auf ein christliches Menschenbild ausgeübt wird, ist aber auch, das betonte Jean-Francois Drozak, Ermutigung für alle Eltern, ein Kind mit Behinderung anzunehmen im Wissen, dass ihm bestmögliche Förderung zuteil wird.

Angelika Zauner stellt ihre Arbeit als Erzieherin vor: „Es ist ein Gefühl von Glück, leuchtende Kinderaugen zu sehen, und es ist eine Freude, mitzuarbeiten an der Zukunft der Kinder.“ Anders ist die Arbeit im Seniorenheim. Peter Stöckle betont, wie wichtig es sei, alten und dement gewordenen Menschen Würde zu geben, ihnen zu zeigen, dass sie als Menschen geachtet, angenommen, respektiert sind. Für Stöckle ist sein Beruf auch ein Dank an die Menschen, die es durch ihre Lebensleistung ermöglicht haben, dass es vielen in unserer Gesellschaft so gut geht. Gabriele Fuchs, die lange Zeit in der Jugendhilfe arbeitete, gab Einblicke in ihre Tätigkeit mit jungen Leuten, die mit vielen Problemen beladen sind. Sie anzunehmen, ihnen Wege aus ihren Nöten zu zeigen – dazu braucht es Menschen, die Gespür, Verständnis und Liebe mitbringen. Das wurde auch deutlich in den Szenen „Weihnachten“ und „der Sprayer“.

Jean-Francois Drozak bringt seine eigene Lebensgeschichte ins Spiel: Er ist in einer katholischen Jugendeinrichtung aufgewachsen und da so viele gute Erfahrungen mitbekommen, dass er sie an die Schüler weitergeben und sie ermutigen will, einen Beruf als Erzieher, in der Jugendhilfe oder in der Altenbetreuung zu ergreifen. Die Caritas bietet gerade jungen Leuten viele Möglichkeiten für soziale Dienste und Berufe – herausfordernde Aufgaben, die aber mehr sind als nur „Handwerk“ – „Herzwerk“ eben, bei dem der ganze Mensch gefragt ist. – wü

Antonia Langguth (14):“Wichtig war mir, zu zeigen, dass wir Respekt haben – vor den Menschen, die betreut werden und vor allem auch von denen, die sie betreuen. Man braucht viel Verantwortung für andere Menschen und deren Krankheiten.“

Amina Hartl (13): „Wir haben soziale Berufe ganz neu kennen gelernt. Vieles konnte ich mir nicht so vorstellen. Jetzt habe ich einen ganz anderen Blick auf eine sehr schwierige Arbeit bekommen.“

Dustin Waskow (15): „Es war eindrucksvoll, zu sehen, wie sich die Leute in diesen Berufen als Erzieher oder Pfleger engagieren. Ich hätte aber nicht das Gefühl dafür. Für mich wäre das kein Beruf.“

Tristan Nagel (13): „Die Rolle des Behinderten zu spielen, war gar nicht so leicht. Sie sollte ja auch Respekt zeigen und durfte niemals lächerlich werden. Interessant war zu sehen, wie diese Arbeit auch Erfolg zeigen kann.“

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